Orte der Begegnung

frei sich bilden

    WORT UND BILD: Bertrand Stern, 1. Oktober 2025
    BEARBEITET AM 2. Oktober 2025

    Welch hervorragende Idee, die Frage der Begegnungsorte aufzugreifen! Da es nicht unwesentlich ist, hierbei gewisse sich subtil einschleichende Mißverständnisse aufzudecken, bittet der Philosoph allerdings um Verständnis für seine Pingeligkeit, um einiges hervorzuheben und dadurch aufklärend zu verdeutlichen.

    Vorab: Menschen sind soziale Wesen mit einem ausgeprägten solidarischen Vermögen. Ist allerdings diese Solidarität an Orte, an Techniken, an gewisse Menschen geknüpft? Da die spontane Antwort hierauf ein klares: „nein!“ ist, spricht dies für die Bedingungslosigkeit von Begegnung. Doch was ist überhaupt unter „Begegnung“ zu verstehen? Beschreibt sie das zufällige Zusammenkommen von mehreren Menschen an einem zufälligen Ort – oder im Gegenteil das zielgerichtete Treffen an einer definierten Stelle? Oder beides? Oder noch etwas anderes? Gewiß ist die Begegnung qualitativ unterschiedlich je nach dem ob die Menschen durch Zufall, freiwillig zusammenkommen; oder ob sie zwangsweise zusammengeführt werden: etwa bei einer Schulklasse oder einem Militärbataillon: Hierbei spielt es keine Rolle, ob das „Einpferchen“ von Menschen an gewissen Orten aus angeblich wohlmeinenden, aber niemals wohltuenden Gründen geschieht, denn solche Bedingungen umschreibe ich als strukturelle Gewalt. Ein naheliegendes Beispiel hierfür ist der „Schulgebäudeanwesenheitszwang“. Unabhängig davon, mit welchen pädagogischen, politisch-ideologischen oder religiösen Gründen und Ambitionen diese Schule gegründet, genehmigt und geführt wird, erweist sich dieser Ort als für die gedeihliche Begegnung von selbstbestimmten Menschen nun einmal als ungeeignet. (Erbringt der postulierte Zwang nicht den deutlichen Beweis des Scheiterns der Institution Schule?) Von der Selbstbestimmtheit des Menschen ausgehend, gilt es nun zu klären, welcher Ort welcher Begegnung dient: Wer insbesondere sich selbst begegnen möchte, wird vielleicht den Wald, den See oder sein Bett als bevorzugten Ort wählen. Andere Orte wiederum scheinen besser dafür geeignet, potentiellen Mitmenschen zu begegnen und sie kennenzulernen: vom Schwimmbad oder Strand über das Kino, Theater, Museum; oder in Hörsälen oder bei Seminaren; hin zu Veranstaltungen oder zu Cafés, Gaststätten, Treffpunkten… Von ganz anderer Qualität ist freilich der Ort, den ein Paar für ein intimes Treffen ansteuert: Manche Verliebte ziehen den einen Baum im Wald, andere ein Zimmer, noch andere ein PKW. Und dann gibt es jene spezifischen, zweckgebundenen Örtlichkeiten, deren Zweckbestimmung oder Zielgerichtetheit  wesentliche sind: Eine Bücherei dient nicht dem Tanz und ein Schwimmbad kann nur genutzt werden, wenn das Wasser das Schwimmen ermöglicht; in einem Kino werden Filme vorgeführt, indes in einem Labor geforscht wird; in einer Werkstatt wird geschreinert oder metallgearbeitet oder am Stein gehobelt oder am Ton getöpfert; indes auf einer Baustelle etwas gebaut wird. Folglich kann der Ort, den ich wähle, um etwas zu erleben, um etwas zu erfahren, nicht derselbe sein wie der ruhige Ort, wo zwei Menschen einer Intimität frönen oder ich ganz alleine zur Ruhe kommen, wo ich lesen oder schreiben oder zeichnen oder musizieren oder meditieren möchte... Hierbei sind der Wald und die Bücherei, der Strand und der Hörsaal, der Garten das eigene Zimmer gleichermaßen wichtig. Was nun die infrastrukturelle Gestaltung eines Ortes der Begegnung betrifft, ist es naheliegend, daß sie maximiert werden kann und muß, um ihre dienliche Qualität zu erfüllen. Dies an einem Vergleichsbild verdeutlicht: Es darf wohl angenommen werden, daß alle Gaststätten, Restaurants oder Kantinen nicht nur ein gesundes Essen bieten, sondern auch optimale Bedingungen zum Speisen – ob alleine oder in einer Gemeinschaft. Ebenso steht es jedem Menschen frei zu wählen, welche Art von Essen er zu welchem Zeitpunkt bevorzugt: Der eine eher mit örtlicher Kost, der andere eher mit fremden Speisen; der eine Ort klassisch gestaltet, der andere folkloristisch. Hier drinnen, da auf einer Terrasse, dort im Freien. All diese Aspekte wurzeln im einen Grundbedürfnis: sich zu ernähren. Welcher ist aber der entscheidende Faktor? Welcher Aspekt ist wesentlich? Zweifellos die von Menschen getroffene selbstbestimmte Wahl! Deshalb wird der eine Ort für den einen Menschen geradezu ideal, „mystisch“ und für den anderen indiskutabel sein, was noch lange nicht heißt, daß dieser oder jener Ort abzulehnen ist, sondern vielmehr, daß Menschen als Subjekte zu entscheiden haben, was sie als für sie geeignet betrachten. Wenn wir nun erkennen, daß das Wesentliche nicht der Ort der Begegnung, sondern das Subjekt ist, das jeder Mensch ist und bleibt, befreit dies von einem üblichen (und üblen) Mißverständnis: erlöst vom Wunsch oder Traum, den Ort für spezifische Menschen zu erschaffen, beispielsweise für junge Menschen, etwa mit einem pädagogischen Impuls und Impetus. Zwar geschieht es, daß Menschen anderen Menschen gleichen Alters zu begegnen wünschen, doch zumeist möchten Menschen als selbstbestimmte Akteure des Erfahrens frei wählen können, mit welchen anderen Menschen sie wann und wo zusammenkommen: einmal mit jüngeren, ein anders Mal mit älteren. Die sog.“Altersdurchmischung“ ist ein wesentliches Element der gesunden Sozialität. Einerlei, ob es sich um strukturell organisierte Lokalitäten oder um „zufällige Orte“ handelt: es ist die Aufgabe des als Subjekt gewürdigten Menschen, über seine sozialen Wünsche und Bedürfnisse zu entscheiden und zu klären, welche Orte der Begegnung er aufsuchen, nutzen, geniessen will. Welch eine Befreiung von der vorgegebenen Zweckgebundenheit zahlreicher Orte! Hingegen scheint es mir ethisch bedeutsam eine Qualität hervorzuheben, die ich – ausnahmsweise! – mit dem englischen Begriff „commitment“ umschreibe: eine soziale Selbstverpflichtung. Mag es für die Schwimmbäder oder die Büchereien egal sein, ob und wann ich sie aufsuche, so ist es bei der sozialen Dimension der Begegnung nicht mehr unerheblich, ob ich durch eine Anmeldung eine Verpflichtung eingehe oder ob meine Mitwirkung beliebig ist: vor allem dann, wenn andere Menschen auf mein Dabei-Sein angewiesen sind. Als ein Beispiel für eine solche Begegnung bringe ich das Bild eines sich freiwillig gebildeten Orchesters: Seine Aktivität kann es nur dann zur Zufriedenheit aller entfalten, wenn sich alle Beteiligten als zuverlässige Partner und Mitglieder des Ensembles verstehen und verhalten. Im Mittelpunkt dieses Geschehens steht also nicht der „örtliche Ort der Begegnung“, sondern die Qualität dieser Begegnung in Gestalt meiner freiwillig eingegangen Selbstverpflichtung gegenüber den anderen und dem Ganzen. Eine wichtige Voraussetzung dieser Subjekthaftigkeit dürfte immateriell sein: das unbedingte Vertrauen. Wenn wir ebenso uns selbst wie jedem Menschen, egal wie jung auch immer, das Vertrauen schenken, die für ihn bestgeeigneten Lösungen für sein Bedürfnis, seine Fähigkeit, seine Kompetenz zu finden, ermöglicht dies das Eröffnen von kreativen Horizonten, die sonst nicht zu entdecken wären. Selbstverständlich dürfen oder müssen sachkundige Menschen ihre Mitmenschen darin unterstützen, das für sie Geeignete ausfindig zu machen, so auch den Ort, wo er Menschen, Leben, Wissen usw. entdecken wird; doch dieses Unterstützen darf niemals in ein Bevormunden des Subjekts münden – und folglich auch nicht dazu, diesen und jenen anderen Ort als geboten oder als verboten zu betrachten. Orte der Begegnung sind wie nützliche Instrumente: ihre Qualität besteht darin, uns zur Verfügung zu stehen, uns sogar zu unterstützen, doch niemals uns zu bevormunden und zu entmündigen. Die Abkehr von spezifischen Orten, die mit einer vorbestimmten Zielsetzung für bestimmte Menschen gedacht sind, bedeutet letztlich, Örtlichkeiten als Teile einer gemeinsamen, solidaren Allmende zu betrachten: Solche Örtlichkeiten (Museen, Stadien, Labore, Büchereien, Theater- und Konzertsäle, Kinos, Hörsäle u.v.a.m.) gehören der Allgemeinheit und sind ihr zugänglich: ebenso wie Wiesen, Wälder, Berge, Seen... * * * Zum Beitrag auf „die freilerner“ ein „P.S.“: Da ich befürchte, daß das Motto dieses Heftes 104: „Orte der Begegnung“ zu einem Mißverständnis führen oder verleiten könnte, sehe ich mich nun zu diesem Nachtrag veranlaßt, denn viele Menschen möchten auch ihre „Lernorte“ als „Orte der Begegnung“ verstehen und sehen. Allerdings lehne ich dies aus folgenden Gründen ab: „Orte der Begegnung“ werden von verschiedenen Menschen freiwillig gewählt, und zwar entweder wegen der da gebotenen oder möglichen sozialen Kontakte; oder wegen der Lehre, der Erfahrungspotentiale. Auf keinen Fall können sie Orte sein, die als „Alters-Reservat“ betrachtet werden dürfen, denn... … „Orte der Begegnung“ können niemals zum „Parken“ von Nachwuchs gesehen und verstanden werden, damit ihre Eltern sich dem widmen können, was ihnen wichtiger erscheint. Anders formuliert: „Orte der Begegnung“ können keine pädagogischen Horte sein, in die „Kinder“ abgestellt, schlimmer noch: erzogen werden. Zudem wären die zu „Lernorten“ entfremdeten „Orte der Begegnung“ eine Art von Schule: Zumindest würde dies von staatlicher und behördlicher Seite so gesehen, die, „unter der Aufsicht des Staates“ (GG-Art. 7.1) stehend, daher der entsprechender Genehmigung bedürften. Wenn sie wirklich „Orte der Begegnung“ in dem Sinne sind, wie ich diese sehe, würde ihnen diese Genehmigung mit Sicherheit verweigert. Ich befürchte, daß es sich hier um eine Grundfrage unserer Fantasie handelt: Vermögen wir es uns vorzustellen, daß selbstbestimmte Menschen jeden Alters den selbstverständlichen Wunsch, gar das Bedürfnis hegen können, sich zu jeder Zeit und an jedem Ort treffen zu wollen: fern von noch so wohlgemeinten, aber zumeist nicht wohltuenden da fremdbestimmten Ambitionen? Nur, wenn unsere Antwort ein ganz eindeutiges „Ja!“ ist, können „Orte der Begegnung“ als Stätten der demokratischen Freiheit verstanden werden, in denen das Subjekt im Mittelpunkt steht. Deshalb wiederhole ich: Gewiß kann es Bibliotheken und Theater, Schwimmbäder und Werkstätten, Restaurants und diverse Hörsäle geben, doch auch Wälder und Wiesen und Teiche und Seen und Berge und Straßen und Plätze und Keller und Trümmerhaufen und Spielplätze und und und... Doch nicht der Ort steht im Mittelpunkt, sondern das selbstbestimmte Subjekt, das sich dafür entscheiden kann, diesen oder jenen Ort aufzusuchen – oder in seinem Zimmer, in seinem Bett, in seiner Küche, auf seinem Dachboden oder wo auch immer zu bleiben. Hier, da oder dort wird dieses Subjekt einmal seine sozialen Bedürfnisse und Fähigkeiten erfahren; ein anderes Mal kann seine Potenz sich gedeihlich entfalten, frei sich zu bilden.

    QUELLEN UND ANMERKUNGEN

    • Zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift die freilerner, Zeitschrift für selbstbestimmtes Leben und Lernen,
      Heft-Nr. 105, Juli 2025, S.35 ff 
    • Aus gegebenem Anlass ein PS
    • Bild von Peter H auf Pixabay

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