DIES IST EIN AUSSCHNITT AUS meinem BUCH:
DENN MEIN LEBEN IST LERNEN
Arno Stern stammt aus einer deutschen Familie. Sein Vater, zum Dekorateur ausgebildet, eröffnete nach dem ersten Weltkrieg eine Fabrik, in der Knöpfe und Kämme aus Elfenbein hergestellt wurden. Doch die Wirtschaftskrise erzwang schließlich die Einstellung der Produktion.
Drei Jahre lang besuchte Arno die Volksschule in Kassel. Als Hitler im Januar 1933 die Macht ergriff, emigrierten seine Eltern aus ideologischen und religiösen Gründen mit ihm ins Elsaß. Nach einjährigem Aufenthalt zogen sie nach Montbéliard, wo Arno weitere drei Jahre in die Schule ging. 1938 verbrachte er ein Jahr in einer Pariser Privatschule. Doch der Ausbruch des Krieges veranlaßte die Schließung der Schule, und Arno kehrte zu seinen Eltern nach Montbéliard zurück, wo er mit seinem Vater zusammen als Fensterputzer arbeitete. Schließlich meldete sich sein Vater freiwillig zum Hilfsdienst bei der französischen Armee. Arno und seine Mutter blieben alleine zurück. Durch den Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich veranlaßt, liessen sie erneut alles liegen und flüchteten nach Südfrankreich in die damalige «freie Zone». Auf Umwegen fand der Vater zu ihnen zurück. Doch nun war die Familie auch in der «freien Zone» nicht mehr geschützt, und so führte sie ihre Flucht in die Schweiz, wo man die Familienmitglieder trennte und in verschiedene Flüchtlingslager internierte. (1)
Arno: «In diesen Lagern begegnete ich einer Reihe interessanter Menschen. Ich freundete mich mit Musikern, Schauspielern und einem Dichter an. Durch den Kontakt mit diesen Leuten erlangte ich Zugang zur klassischen Musik und Literatur, womit ich mich leidenschaftlich zu beschäftigen begann. Glücklicherweise ist mir ein Studium erspart geblieben. Auf die gleiche Art und Weise, wie meine Kinder heute lernen, durfte ich damals die Musik und Literatur entdecken.»
1945 endete der Krieg, Arnos Eltern kehrten nach Montbéliard zurück. Sie eröffneten ein Unternehmen zur Herstellung von Schulterpolstern. Arno, ein junger Mann von 21 Jahren, ließ sich in Paris nieder, wo er später die französische Staatsangehörigkeit erlangte. Arno: «Man vermittelte mir eine Arbeit in einem Kinderheim für Kriegswaisen. Täglich betreute ich die Kinder einige Stunden lang; ich stellte ihnen Pinsel und Farbe zur Verfügung. Hier liegt der Ursprung meiner heutigen Tätigkeit. Um möglichst vielen Kindern das Malen anbieten zu können, war ich bestrebt, den Raum optimal einzurichten. So entstand der «Closlieu» (Malort). Von Anfang an ließ ich die Kinder arbeiten, ohne sie mit Belehrungen zu belästigen. Mit der Zeit entdeckte ich bei den Malenden immer wiederkehrende Äußerungen – die Formulation (2). »
Arno Stern widmete sein ganzes weiteres Leben dem Studium der Formulation. Im Rahmen seiner Forschungsarbeit bereiste er verschiedene, von der Zivilisation noch unberührte Gegenden, um die dort lebenden Menschen malen zu lassen.
«Menschen, die mir in anderen Bereichen nahestehen, können mir nicht folgen, wenn ich sage: Kinderkunst gibt es nicht! […] Ihre Auffassung führte zum Zeichenunterricht , der jahrzehntelang den Schülern die Zeichenlust verdarb. Und als ihn als Erneurung die Kunsterziehung ablöste, wurde die kostbare Ausdrucksfähigkeit des Kindes endgültig vernichtet. Es ist eine bittere Tatsache, und ich weiß, daß das, was ich den Menschen im Malort anbiete, zur Rettung wertvoller, bedrohter Werte beiträgt. Es ist genauso dringend, diese Äußerungsfähigkeit im Menschen zu retten wie die Eisbären, die Bienen, und die Vögel in unserer Umwelt.»
ARNO STERN (6)
Unterdessen heiratete Arno Claire, die er während seiner Internierungszeit kennengelernt hatte. Sie bekamen einen Sohn, dem sie den Namen Bertrand gaben. Bertrand wurde genauso wie jedes andere Kind beschult. (3) Arno stellte die Schule noch nicht so radikal in Frage wie später. Arno: «Je mehr ich von der Formulation erforschte, desto deutlicher erschien mir, daß jede Belehrung diese natürliche Äußerung einschränkt. Durch die Kenntnis der Formulation läßt sich ganz deutlich ermessen, wie sehr die Persönlichkeit durch die Schule beeinträchtigt wird.» Zu Bertrands Schulzeiten stellte der Zeichenunterricht allerdings noch keine wirkliche Gefahr für die Formulation dar.
Viele Bekannte verstanden Arnos Beschäftigung nicht und rieten ihm, in das Geschäft seiner Eltern einzusteigen. Doch Arno hatte andere Interessen. Arno: «Meine Eltern zeigten Verständnis für meine unkonventionelle Tätigkeit und schätzten sie auch. Mit ihrer finanziellen Unterstützung eröffnete ich nach der Schließung des Kinderheimes die Académie du Jeudi.» Neben zahlreichen Veröffentlichungen über seine Arbeit publizierte er eine ganze Reihe Bücher über seine Erkenntnisse. Nach wie vor weist er durch Vorträge und Seminare auf die Ausdruckssemiologie (4) hin und führt Interessierte in die Praxis des Dienens im Malort ein.
«Ich begegnete als unbelasteter Zeuge dem von mir ermöglichten Geschehen, den Äußerungen vieler Menschen, nicht ahnend, dass ich die Bedingungen für etwas Unerprobtes geschaffen hatte. Ich begegnete der eingangs schon erwähnten Formulation.Bis dahin war mir eine allgemeine Zustimmung zuteilgeworden. Das wurde nun anders. Während die charmante Kinderkunst allgemein Beifall genoß, irritierte die Formulation; denn ihre Erkennntnis stellt vieles infrage.»
ARNO STERN (7)
Nach der Trennung von seiner Frau heiratete Arno Michèle Arella. Ihre Vorfahren väterlicherseits, italienischer Herkunft, ließen sich in Algerien nieder. Die Vorfahren mütterlicherseits hatten sich ebenfalls in Algerien niedergelassen, ursprünglich stammten sie aber aus dem Burgund. Michèles Geburtshaus steht in Guelma, einer typisch nordafrikanischen Provinzstadt. Michèle begann mit 17 Jahren in Paris an der Sorbonne, an der Faculté des Lettres, Geschichte zu studieren. Nach dem Abschluß ihres Studiums unterrichtete sie zwei Jahre lang an einem algerischen collège.
Michèle: «Die Arellas waren eine angesehene Familie, die großen Wert auf die bürgerlichen Berufe ihrer Angehörigen legte. Viele meiner Onkel und Tanten waren im Schulwesen tätig.»
Nach der erlangten Unabhängigkeit Algeriens von der Kolonialmacht Frankreichs verließ der größte Teil der in Algerien lebenden Franzosen das Land fluchtartig, unter ihnen auch Familie Arella. Michèle: «Unser ganzes Vermögen blieb in Algerien zurück. Meine Eltern liessen sich in Südfrankreich nieder, und ich suchte mir eine Arbeit in Paris. Das Unterrichten bereitete mir keine Freude mehr. Trotzdem verspürte ich Gefallen an der Arbeit mit Kindern, und so nahm ich 1962 eine Stelle als Kindergärtnerin an.»
Michèle besaß weder eine pädagogische Ausbildung für diese Stufe, noch sonstige Erfahrungen mit kleinen Kindern, und versuchte sich am Lehrplan zu orientieren. Michèle: «Die Aufgabe des Kindergartens (5) besteht einerseits in der Einführung der Kinder ins Gemeinschaftsleben und andererseits in der Vorbereitung auf die folgende Schulzeit. Um dieses Ziel zu erreichen, war es üblich, sogenannte «Lebensthemen» zu behandeln. So bestimmten dann Inhalte wie Karneval, Schnee oder Laubbäume eine Zeitlang das Leben im Kindergarten. Das Zeichnen, Basteln und Spielen drehte sich um eine vorgegebene Thematik und setzte Arbeitsaufträge voraus. Schon bald merkte ich, daß dies weder für mich noch für die Kinder befriedigend war. Ich wurde auf die ersten Bücher von Arno Stern aufmerksam, die damals in den französischen Kindergärten sehr verbreitet waren, und mit dem Gedanken konfrontiert, daß alles, was Kinder machen, vollgültig ist und nicht verbessert werden muß. Dieser Gedanke überzeugte mich und deckte sich mit meinen eigenen Erfahrungen. Ich merkte, daß man Kindern keine Arbeitsaufträge erteilen muß, damit sich diese aktiv betätigen, und daß die Beziehung zu Kindern stimmig ist, wenn man sie als vollwertige Persönlichkeiten wahrnimmt.»
Bekannte wiesen Michèle auf die Académie du Jeudi hin. Michèle: «Als ich ins Atelier eintrat und dem Geschehen folgte, öffnete sich mir eine neue Welt. Diese Begegnung hat mein Leben grundlegend verändert.» Michèle schlug nun andere Wege ein. Sie hörte auf, Themen zu bearbeiten oder Kinder auf etwas vorbereiten zu wollen, und ließ das alltägliche Leben in ihren Kindergarten einziehen. Thema war das, was die einzelnen Kinder gerade beschäftigte. Nach der Geburt ihres Sohnes André wurde ihr angeboten, ihre Arbeit halbtags fortzusetzen. Obwohl Michèle ihre Arbeit liebte, war es ihr wichtiger, sich André zuzuwenden.
Das Leben der Familie ist stark geprägt von Arnos Arbeit. Viele Menschen kommen Woche um Woche zum Malen in den Closlieu. Arno unternimmt häufig Vortrags- und Seminarreisen, zuweilen in Begleitung seiner Familie.
Für Michèle und Arno war es von Anfang an klar, daß ihre Kinder nicht in die Schule gehen würden. Arno: «Es schien uns selbstverständlich, unsere Kinder nicht in die Schule zu schicken. Für uns gab es keine Alternative. Es war uns ein Anliegen, daß unsere Kinder nicht in ihrer Persönlichkeit eingeschränkt würden. Auch wollten wir ihre Entwicklung in allen Details miterleben.»
Michèle: «Jahr für Jahr sah ich, wie die Persönlichkeit der Kinder sich entwickelte, und auf meine Arbeit im Kindergarten zu verzichten war ein schmerzhafter Entschluß. Trotzdem zögerte ich keinen Moment, weil es mir selbstverständlich erschien, mich meinem eigenen Kind zu widmen.»



