Das Pharmakon Schrift: Gift oder Elixier?

frei sich bilden

VERANTWORTLICH FÜR WORT UND BILD: Olivier Keller, 12. Mai 2026
BEARBEITET AM 14. Mai 2026

Über den verantwortungsvollen Umgang mit den Buchstaben Personen des Dialogs: ASKLEPIOS und ATHENE
 Ort und Zeit: Auf dem Olymp im Ausgang des 20. Jahrhunderts

ATHENE: Mein lieber Freund, wohin denn und woher?

ASKLEPIOS: Ich lauschte den Gesängen der Musen, o Athene, Tochter des Zeus, Schutzgöttin der Künste und der Weisheit. Doch jetzt gehe ich vor das Wolkentor spazieren und nachsinnen.

ATHENE: Worüber willst du nachsinnen, Erhabenster der Heilkünste? Entdecktest du ein neues Pharmakon?

ASKLEPIOS: Von neu kann nicht die Rede sein. Doch etwas wohl Verwandtes beschäftigt meinen Geist, etwas, das dich in der Tat interessieren wird. Willst du es erfahren, so begleite mich bei meinem Spaziergang.

ATHENE: Einem pharmazeutischen Stelldichein kann ich kaum widerstehen, lieber Asklepios. Ich bin begierig, dich anzuhören.

ASKLEPIOS: Als ich eben dem Gesang der Musen lauschte, war es, als hörte ich eine Melancholie in ihren Stimmen, und da wurde in mir die Erinnerung an ihre Mutter wach, der Mnemosyne.

ATHENE: Gewissermaßen die Besinnung an die „Besinnung“, an das „Gedächtnis“.

ASKLEPIOS: Ja, genau. Aber darauf will ich später eingehen. So paradox es auch klingt: Manche Krankheiten entstehen erst nach der Erfindung des Heilmittels. Die gefürchtete und diffamierende Krankheit, von der ich dir erzählen will, gehört zu diesem Typus. Sie heißt Analphabetismus.

ATHENE: Ich vernahm davon. Doch dass es sich dabei um eine Krankheit handeln soll, das ist mir neu.

ASKLEPIOS: Genau das ist es. Du legst die Fährte, der ich nachspüren will. Der Analphabetismus wurde nicht immer als ein Gebrechen betrachtet, obwohl er seit Göttergedenken besteht. Ganz im Gegenteil. Bisher trug das Phänomen der Schriftlosigkeit den Namen Oralität. Menschen lebten in Kulturen, die keinen oder einen anderen Umgang mit der Schrift pflegten, ohne dass sie deswegen als minderwertig betrachtet wurden. Selbst mächtige Männer wie der ägyptische Pharao oder Charlemagne bedienten sich eines Schreibers.

ATHENE: Du willst also sagen, dass diese neue Krankheit erst durch die Umbenennung von Oralität in Analphabetismus ins Leben gerufen …

ASKLEPIOS: … und durch eine groß angelegte, globale Verschulung kultiviert wurde. Die Tradition des Erzählens, der mündlichen Überlieferung und der Wahrheitsfindung im Dialog – Gesprächskultur schlechthin – mutierte durch eine definitorische Kopfgeburt zur hypochondrischen Seuche.

ATHENE: Das sind deftige Worte, Asklepios. Dein Blut gerät vor Eifer in Wallungen. Tust du diesen Alphabetisierungsbestrebungen nicht unrecht? Schließlich ist der gewinnbringende Einfluss der Schrift auf Kultur und Gesellschaft kaum zu übersehen. Weder Wissenschaft und Literatur noch Konstitution und Rechtsordnung wären in ihrer heutigen, hochentwickelten Form denkbar.

ASKLEPIOS: Allerdings! Die Schrift ist eine jener folgenschweren Erbschaften, die die Menschheitsgeschichte nachhaltig geprägt haben. Andererseits dürfen wir nicht vergessen, dass die Schrift – oder vielmehr die Art, wie sie vermittelt wird – auch die ganz persönliche Lebensgeschichte eines jeden Menschen dieser Zivilisation prägt.

ATHENE: Woher weißt du das so genau? Verkehrst du mit Sterblichen?

ASKLEPIOS: Selten, doch vor kurzem fiel mir ein Pamphlet von einem anonymen Autor in die Hand. Es trug die Überschrift „Wider die Zwangsalphabetisierung“. Warte einen Augenblick, es scheint mir, ich hätte es eingesteckt. Da ist es ja.

ATHENE: Du machst mich neugierig. Aber wo schlägst du vor, dass wir uns zum Lesen hinsetzen sollen?

ASKLEPIOS: Verlassen wir diesen Pfad und machen wir es uns unten in der Talebene von Thessalien am Ufer des Peneios gemütlich.

ATHENE: Oder in einem Olivenhain!

ASKLEPIOS: Ganz wie es dir beliebt, meine Holde.

ATHENE: Ist es hier nicht wunderschön? Und wie es duftet. Das bringt Abwechslung zum kahlen und steinigen Olymp. Nun mach schon, lies aus diesem verheißungsvollen Text.

ASKLEPIOS: Immer mit der Ruhe. Du willst mich doch nicht gleich mit Zeus' Donnerkeil bedrohen? So höre denn:

„Wer erinnert sich nicht an die schweißtreibenden Diktatvorbereitungen oder an die nie enden wollenden Schönschreibaufgaben, an denen der Lehrer immer etwas auszusetzen fand, egal, wie sehr man sich auch anstrengte. Oder an die Schamröte, die einem ins Gesicht stieg, wenn man beim Vorlesen nichts als ein Stammeln hervorbrachte. Auch wer weniger leidvolle Erlebnisse mit dem Schrifterwerb verbindet, wird sich an die unzähligen, allzu philologischen Sprachübungen erinnern, die ein Mischgefühl aus Langeweile und Unmut zurückließen. Verschulte Menschen wissen aus Erfahrung, daß Lesen- und Schreibenlernen etwas Beschwerliches ist, etwas, das sich nur durch langjähriges schulisches Training bewerkstelligen läßt und alles andere als lustvoll ist.“

ATHENE: Wenn das die Musen hörten, sie zwängen Theuth, seine Buchstaben auf der Stelle wieder einzusammeln, um sie von Hades in der Unterwelt verwahren zu lassen.

ASKLEPIOS: Du kennst Platons Fabel zur Entstehung der Schrift? Wie er im Phaidros die Geschichte von Gott Theuth erzählt, der dem ägyptischen König ...

ATHENE: ... Thamos neben anderen Geschenken auch die Buchstaben überreicht. Er will sie ihm als Pharmakon aufschwätzen. Dieser jedoch lehnt mit der Begründung ab, die Schrift fördere die Vergeßlichkeit des Menschen, schränke ihn in seiner Denkfähigkeit ein und sei eine potentielle Gefahr für Bildung und Persönlichkeitsentwicklung. Jetzt verstehe ich; darum deine Anspielung auf Mnemosyne zu Beginn unseres Gespräches! Platon, der auf der Schwelle der schriftlosen zur schriftbezogenen Kultur stand, sorgte sich um die Urmuse, um das Pergament in der Seele.

ASKLEPIOS: Ja, genau. Der Gedanke, die Schrift sei eine Arznei, je nach Gebrauch Heil- oder Gifttrank, stammt von Platon. Der Verfasser des Pamphlets hatte offensichtlich Kenntnis davon, denn er bezieht sich darauf, wenn auch in einem anderen Sinnzusammenhang. Höre:

„Sind das die symptomatischen Nebenwirkungen des platonischen Heilmittels? Liegt hier ein eklatanter Mißbrauch des beliebtesten Humanistenmedikamentes vor, dessen zwanghafte Verabreichung zu einer Überdosis, zu einer Vergiftung führt? Wie sähe der heilsame, der Wohltat verschaffende Umgang mit dem Pharmakon Schrift aus? Die Schrift als Lebenselixier?“

ATHENE: Was ist das denn? So lies schon!

ASKLEPIOS:

„Es ist existent, dieses Destillat aus so wertvollen Stoffen wie balsamischem Urvertrauen in das Bildungsbedürfnis, salzener Lernfreiheit und goldenen Stimulanzien. Wird einem Menschen dieses Lebenselixier verabreicht, so setzt, für uns Zwangsalphabetisierte, ein gar wundersamer Prozeß ein. So organisch wie Menschen laufen und sprechen lernen, lernen sie auch schreiben und lesen. In einer Kultur, in der die Schrift omnipräsent ist, sehen sich Kinder täglich mit der Existenz der Buchstaben konfrontiert. Reklamen, Schilder, Etiketten, Zeitungen, Bücher – Leute, die lesen und schreiben, zeugen von der gesellschaftlichen Bedeutung der Schrift und bieten Ansporn zur Ergründung dieser eigentümlichen Gebilde. Es bedarf keineswegs eines systematischen Lehrganges und des Zwanges schon gar nicht, um Kinder in die Kunst des Lesens und Schreibens einzuführen.“

ATHENE: Das klingt allerdings erstaunlich, wenn wir bedenken, daß Theuths Pharmakon schon im 4. Jahrhundert vor Christus von frühester Jugend an durch die damalige Schule verabreicht und eingebleut wurde. Laß mich hören, wie sich jenseits von jeglicher Didaktik ein solcher Prozeß einstellt.

ASKLEPIOS:

„Der Verlauf des natürlichen Schrifterwerbes erfolgt individuell, wird wesentlich von Persönlichkeitsmerkmalen und Umwelteinflüssen geprägt. Es lassen sich jedoch gewisse Mechanismen, gewisse Grundzüge herauskristallisieren.

Am Anfang steht das Spiel. In einer präkommunikativen Phase zeigt sich eine erste Fühlungnahme im spielerischen Ausprobieren der Schrift. Kinder genießen es, mit einem Stift Spuren auf dem Papier zu hinterlassen. In diesem Stadium sind Schreiben und Zeichnen noch eng miteinander verbunden. Grundsätzlich lassen sich zwei Arten erkennen: das ‚Imitieren der Schrift‘, das dem Schreiberling das authentische Gefühl des flüssigen Schreibens vermittelt, und das ‚Zeichnen von Buchstabengebilden‘, bei dem es um die ‚getreue‘ Wiedergabe, um das Kalligraphieren von Lettern geht.

Im Gegensatz zu den Schriftimitationen, in denen die typische Links-Rechts-Ausrichtung meist sehr ausgeprägt ist, wird beim Zeichnen von Buchstabenformen der konventionellen räumlichen Anordnung der Schriftzeichen noch keine Aufmerksamkeit geschenkt. Um so konzentrierter wird das Augenmerk auf die Form gerichtet. Kinder finden bisweilen Analogien zwischen Buchstabenzeichen und Dingen aus der gegenständlichen Welt: Das ‚R‘ wird zur menschlichen Figur, zum ‚Wanderli‘, zu ‚dem mit dem Bäuchlein‘, das ‚E‘ wird als ‚Kamm‘ bezeichnet und beim ‚A‘ klingt die Ähnlichkeit zum Haus an, in der metaphorischen Sprache der Kinder ‚der mit dem Dächlein‘ eben.

Das kindliche Imitationsverhalten beschränkt sich aber nicht auf das Schreiben. Es ist der Wunsch eines jeden Kindes, die wichtigsten Geheimnisse der Erwachsenenwelt zu ergründen. Lange bevor es zum eigentlichen Lesen kommt, vollziehen Kinder den Leseakt als reines Spiel in der Nachahmung. Mit größtem Selbstverständnis geben sich Kinder ihrer ‚Lektüre‘ hin. Die Ernsthaftigkeit, mit der sie diese Tätigkeit verrichten, bringen sie in Aussprüchen wie ‚Ich lese diese Seite noch fertig‘ oder ‚Nach dem Nachtessen lese ich dann weiter‘ zum Ausdruck.

Durch den steten Kontakt mit dem Schrifttum erlangen Kinder das Bewußtsein, daß die Schrift Träger von Informationen ist. Buchstaben gewinnen inhaltliche Bedeutung, lassen sich aussprechen, bilden in der Aneinanderreihung Wörter. Es ist lediglich eine Frage der Zeit, bis das Spiel ‚Schriftzüge entziffern‘ entdeckt wird. Auf Spaziergängen, bei Tisch, im Kaufhaus – die ganze Welt wird entschlüsselt. Je größer und augenscheinlicher die Buchstaben sich präsentieren, desto mehr fordern sie zum Lesen heraus. Wenn auch anfangs dieses ‚Erlesen‘ von uns bekannten Wörtern noch erhebliche Anstrengungen erfordert, lassen sich Kinder nicht davon entmutigen; sie genießen die sich einstellende Leichtigkeit zusehends.

Der Einstieg zum fließenden Lesen aber findet meist über das Abenteuer ‚Literatur‘ statt. Bücher sind das Tor in ungeahnte Welten, führen in fesselnde, lustige, rührende, sinnliche Geschichten. Ein Sog, dem nur wenige widerstehen können.

Doch kehren wir zu den Anfängen des Schreibens zurück.

Mit der Erkenntnis, daß Buchstaben Lauten zugeordnet werden, erwacht das Interesse an zielgerichtetem Schreiben. Vorerst werden aufs Geratewohl Buchstabenketten in der Art von ‚DJKPSOLVPRTE‘ gebildet. ‚Was habe ich geschrieben?‘, pflegen Kinder in solchen Momenten zu fragen. Die lautgetreue Wiedergabe solcher Wortschöpfungen löst beim ‚Erschaffer‘ sichtliche Genugtuung aus.

Bald geben sich Kinder aber nicht mehr damit zufrieden. Das Bedürfnis, ‚richtige‘, existente Wörter zu schreiben, stellt sich ein, wobei sie sich verschiedener Techniken bedienen. Manche Kinder lassen sich einzelne Wörter oder ganze Wortlisten vorschreiben, die sie kopieren. Andere wiederum lassen sich Buchstaben um Buchstaben diktieren. Auch Schriftzüge unterschiedlichster Art regen zur Abschrift an: Buchtitel, Aufdrucke von Verpackungen oder Beschilderungen auf der Straße.

Die Schrift wird Bestandteil von Zeichnungen, dient der anekdotischen Inszenierung oder der bildnerischen Gestaltung. Früher oder später erfahren Kinder, daß sich mit der Schrift Botschaften übermitteln lassen. Haben Kinder Lesen und Schreiben erstmals als soziale Handlung begriffen, setzen sie die Schrift gezielt als Kommunikationsmittel ein, selbst wenn sie des Schreibens noch nicht kundig sind. Sie bedienen sich einfach eines ‚Schreibers‘, der ihre Mitteilungen in ein regelkonformes Schriftsystem überträgt; oder sie schlagen den umgekehrten Weg ein: Sie diktieren den Inhalt ihres Briefes und fertigen eine Abschrift davon an.

Allmählich erlangen Kinder die Fähigkeit, auch ohne fremde Hilfe zu schreiben, wobei sich eine Entwicklung vom halbphonetischen über das phonetische zum orthographisch korrekten Schreiben abzeichnet. Während im halbphonetischen Stadium für ein einzelnes Wort nur besonders prägnante Laute oder Lautgruppen wiedergegeben werden, gelingt es im Übergang in die phonetische Phase immer häufiger, die Lautfolge eines Wortes lückenlos, also streng nach rein phonetischen Regeln, abzubilden. Das Lesen solcher Schriften ist nicht ganz einfach, schlagen sich doch darin mundartliche wie auch individuelle Aussprachen nieder. Zudem werden die Wortgrenzen nicht immer eingehalten.“

ATHENE: Erlaube mir, dich zu unterbrechen, ehrwürdiger Asklepios. Aber ein Gedanke ziert meinen Geist, der nicht länger warten will, auf daß ich ihn ausspreche. Kinder, die sich auf diese Weise der Schrift bemächtigen, scheinen sich, zumal in groben Zügen, an die Entstehungsgeschichte des Schrifttums zu halten. Faszinierend, wie sie sich beispielsweise eines Schreibers bedienen, eine Technik, die während Jahrhunderten gepflegt wurde. Schreiben wurde als Handwerk verstanden und als solches gehandhabt. Auch das Kopieren von Schriftlichkeiten war eine rege gepflegte Tätigkeit und wurde sogar von Schriftunkundigen ausgeführt. Oder dieses Aneinanderreihen von Buchstaben, das Verwischen von Wortgrenzen und das lautgetreue Schreiben. In der Antike war Schrift eine kontinuierliche Buchstabenreihung. Konturlos wurden Wörter aneinandergestellt, was ein stummes Lesen verunmöglichte; genau so wie Kinder nur durch lautes Lesen zum Wortsinn gelangen. Von einheitlicher Rechtschreibung war auch lange Zeit nicht die Rede. Jeder schrieb, wie es ihm behagte. Es galt sogar schon als ungeschickt, im gleichen Text zweimal dieselbe Schreibung zu benützen.

ASKLEPIOS: In der Tat dürfte der Orthographie nicht ein solch großes Gewicht zugesprochen werden. Denken wir nur an die deutsche Sprachgemeinschaft, die bis Ende des 19. Jahrhunderts keine normierte Schreibung kannte. Hat das etwa die Hochblüte der deutschen Literatur in der Weimarer Klassik verhindert? Oder die Prosperität im 19. Jahrhundert? Rechtschreibung ist gewiß nicht das Wichtigste an der Sprache, weshalb die heutige Zivilisation gut daran täte, ihren Stellenwert zu relativieren.

ATHENE: Das hast du aber sehr schön gesagt, du Edelster. Es fehlt dir lediglich noch ein Titel für deine Rede. Wie wäre es mit „Die Rechtschreibung: Gift oder Elixier?“

ASKLEPIOS: Auf diese Art glaubst du zu scherzen?

ATHENE: Du irrst, ich meine es im Ernst. Rechtschreibung soll ja für viele Schulkinder wirklich eine Plage sein. Ich stimme dir zu, daß sie nicht die Freude an der Sprache verderben, nicht zum Summum Bonum erhoben werden darf, obwohl die einheitliche Schreibung auch ihre Berechtigung hat. Aber fahren wir fort im Text.

ASKLEPIOS:

„Die Umwandlung von Phonemen in Grapheme wird einer fortlaufenden Verfeinerung unterzogen: immer häufiger finden gängige Rechtschreibemuster Verwendung. Durch Rückfragen an Schriftkundige einerseits, durch das Lesen andererseits, passen sich Kinder zusehends an die gebräuchliche Orthographie an, die an persönlicher Bedeutung zunimmt. Es ist älteren Kindern, die nicht mit schulischer Belehrung belästigt wurden, im allgemeinen ein Bedürfnis, daß ihre Texte nicht mit Fehlern durchsetzt sind. Deshalb wenden sie sich gerne an einen ‚Korrektor‘. In diesem Zusammenhang werden auch erstmals linguistische Aspekte wichtig. ‚Weshalb habe ich dieses Wort falsch geschrieben?‘ ‚Gibt es hierzu eine Regel?‘ So oder ähnlich lauten die Fragen. Das Entdecken von sprachlichen Strukturen und Regelwerken löst bei manchen Kindern wahre Begeisterung aus.

Schreibanlässe sind mannigfaltig vorhanden, müssen nicht inszeniert werden. In Spielsituationen werden Schilder gemalt oder Pässe ausgestellt, zur Geburtstagsfeier Einladungen verteilt, für den Einkaufsbummel Einkaufslisten geschrieben. Wichtige Ereignisse werden ebenso festgehalten wie Name und Nummer bei einem Telefonanruf. Aber auch als Medium zur Verarbeitung von Gefühlen und Gedanken dient das Alphabet, sei das nun in Form von Tagebuchaufzeichnungen oder als literarischer Text. Entscheidend ist die Tatsache, daß der Gebrauch der Schrift situationsbezogen, eng an Sinn und Zweck ihrer selbst gebunden, Teil eines sinnvollen Ganzen ist. Auf diesem Weg ist und bleibt Schreiben und Lesen eine bereichernde, rundum positive Erfahrung, ein wohltuendes, Kraft spendendes Elixier.“

ATHENE: Wahrhaftig ein wünschenswertes Ziel. Doch was geschieht, wenn Menschen keinen Gefallen an der Schrift finden? Bei Zeus, ist es nicht verantwortungslos, sie ihrem Schicksal zu überlassen, selbst in der stillen Hoffnung, das Vermögen, sich der Schrift zu bedienen, stelle sich von alleine ein?

ASKLEPIOS: Mehr als stille Hoffnung wage ich es zu bezeichnen: Zuversicht spricht aus dem Text. Freilich nur unter der Bedingung, daß das Destillat voller erbauender Ingredienzien, von dem die Rede war, Teil des Elixiers ist.

ATHENE: Und was ist mit der Tatsache, daß Abertausende von Menschen in Slums verrotten, fernab von erbauenden Destillaten und Tinkturen? Verelendete Kreaturen, die dringend der Bildung bedürften, um vielleicht eines Tages Aussicht auf Linderung zu entfalten. Denn Wissen ist Macht, wie es so schön heißt.

ASKLEPIOS: Was du mir da sagst, ist ein Grund zum Streiten! Ich denke, du erliegst einem gängigen Trugschluß. Bist du dir sicher, daß du die richtigen Worte gebrauchst für das, was du vortragen willst? Meintest du nicht vielmehr: Wissen ist Kraft?

ATHENE: Wie meinst du das? Ich verstehe dich nicht.

ASKLEPIOS: Laß es mich dir erklären. Macht ist ein Mittel zur Unterdrückung, Kraft eines der Selbstbehauptung, des Widerstandes. Macht ist die Fähigkeit, über Personen und Dinge zu bestimmen, sie zu beeinflussen und zu kontrollieren; Kraft hingegen ist die Fähigkeit, etwas zu bewirken, sei das nun körperlich oder geistig. Macht assoziiert negative Gefühle – Machtgier, Machtmißbrauch, Ohnmacht. Kraft indes weckt andere Bilder. Ich sehe da beispielsweise einen Kranken vor mir, der allmählich wieder zu Kräften kommt, erstarkt, gesund wird. Oder ich denke an die belebende, heilsame Kraft eines Medikamentes, an die Heilkraft. Oder wie jemand etwas aus eigener Kraft, ohne fremde Hilfe, bewerkstelligt.

ATHENE: Du willst sagen, daß der Begriff Macht negativ und jener der Kraft positiv besetzt ist. Aber vergißt du nicht, daß Kraft die Voraussetzung von Macht ist?

ASKLEPIOS: Gut erinnerst du daran. Ich stimme dir zu: Macht ist ohne Kraft nicht denkbar. Kraft kann zu Gewaltakten mißbraucht werden, was ein Aspekt, eine Facette davon ist. Macht aber ist per se Gewalt; denke nur an die Staatsgewalt oder an die elterliche Gewalt. Doch kehren wir zu unserem ursprünglichen Gedanken zurück. Die allzu griffige Formel „Wissen ist Macht“ impliziert folgerichtig die Herrschaft der Wissenden. Oder anders gesagt: Wer an der Macht ist, befindet über das Wissen, entscheidet, was und wie gelehrt wird, und kann durch die Monopolisierung der Bildungsgüter seine Machtposition stabilisieren. Dies, ehrenwerte Parthenos, Göttin des Krieges, ist wohl kaum eines deiner Ideale, auch wenn du manche Schlacht gewonnen hast. Dafür ist dein Gemüt zu zartbesaitet. Wolltest du nicht eher sagen, wer wissend sei, der verfüge über geistige Kräfte, die ihm Unabhängigkeit verschaffen?

ATHENE: Ja, und du wirst also zugeben, daß die Schrift ein Mittel zur Emanzipation ist, das aus der Armut, aus der Unterdrückung, aus der Unwissenheit herausführt?

ASKLEPIOS: Wie sollte ich nicht? Ebenso wie sie auch ein Mittel zur Domestizierung ist, das der Reproduktion, der Sozialisation, der Indoktrination dient.

ATHENE: Das mag so sein, wie du sagst, nur mach uns klar, was du meinst.

ASKLEPIOS: Laß mich dir eine Allegorie ersinnen. Heureka! Die Alphabetisierung in der sogenannten Dritten Welt entpuppte sich als Trojanisches Pferd, als Instrument eines kolonialistischen Feldzuges. Ich will dir nicht etwa Unrecht tun. Deine Erfindung ist ein strategisches Meisterwerk. Sie führte zur Beendigung eines zehnjährigen Krieges. Doch dieses Trojanische Pferd, das in Kuhgestalt daherkommt, verleiht dem Jahrtausende alten Klassenkampf ein neues, liebevolles Gesicht, unter dem sich eine sinistre Fratze versteckt. Es handelt sich dabei nämlich um eine der goldigsten Kühe der Zivilisation, wobei ihre Vergoldung nichts anderes als ein humanitäres Mäntelchen ist.

ATHENE: Irre ich in der Annahme, du sprächest von der Schule?

ASKLEPIOS: In der Tat meine ich die Schule und damit verbunden die Zwangsalphabetisierung. Mit ihrer Hilfe wurden funktionierende, intakte Kulturen von innen heraus zerstört, den Klauen der Zivilisation ausgeliefert, Länder ausgebeutet, Urbevölkerungen verfügbar und empfänglich für die Produkte der modernen Wirtschaft gemacht, westliche Werte und westliches Denken geimpft. Brachte die Schule diesen Menschen die Freiheit, brachte sie ihnen Linderung, Hilfe zur Bewältigung des alltäglichen Lebens? Sicherlich, einer wohldosierten Elite verhalf sie zu Wohlstand. Ob dieser glücklich macht, wage ich zu bezweifeln. Aber die große Masse vertröstet sie mit leeren Versprechungen.

ATHENE: Und wie erklärst du dir das?

ASKLEPIOS: Infizierte Völker wandeln sich von oralen Kulturen zu „Kulturen des Schweigens“. Auf den ersten Blick unterscheiden sie sich kaum voneinander – für beide lässt sich aus heutiger Sicht hochgradiger Analphabetismus diagnostizieren. Die eintretenden Veränderungen aber sind verheerend. Menschen erkranken innerlich, ihr Selbstwertgefühl wird gebrochen, sie werden marginalisiert. Anstatt ihre Eigenständigkeit zu bewahren oder diese durch die Schriftkultur allenfalls zu festigen, werden sie ihrer erprobten Ausdrucksformen, ihrer Sprache beraubt und verstummen. Denn die Macht der einen verlangt die Dummheit der anderen.

ATHENE: Du meinst also, dass durch die schulische Behandlung die große Masse der Menschen in ihrer Entfaltung gehemmt wird, was eine Folge der Entmündigung ist. Aber hast du Vorstellungen, wie sich das verhindern ließe? Bei meinem Schüler Hippokrates, ich kenne nur ein Mittel: Alle Wissenden zu vereidigen, denn Wissen ist Verantwortung.

ATHENE: Wahrlich ein guter Gedanke. Aber wie willst du das anstellen?

ASKLEPIOS: Lass uns hier und jetzt an dieser Stelle einen Ehrenkodex abfassen: Ich schwöre bei Athene, der Schutzpatronin der Heilkunde …

ATHENE: … und bei Asklepios, dem Gott der Heilkünste …

ASKLEPIOS: … und bei allen Göttern und Göttinnen als Zeugen, die Verantwortung meines Wissens zu tragen: Dem, der ich eine Kunst lehre, gleichzuachten, mich ihm gleichzustellen und ihm Belehrungen nur zu erteilen, wenn er es wünscht, sonst aber niemandem. Nie werde ich jemanden zwingen, sich einer Behandlung von mir zu unterziehen, so wie ich mich hüten werde, ein fruchtabtreibendes Mittel zu verabreichen. Auch werde ich die Rechtschreibung nicht korrigieren, es sei denn auf ausdrückliches Verlangen. In welches Haus ich auch eintrete, will ich zum Nutzen der Lernenden eine entkrampfte, unbeschwerliche Stimmung verbreiten, die der Wollust an der Schrift und am Forschen allgemein förderlich ist.

ATHENE: Und das Schlusswort soll lauten: Wenn ich nun diesen meinen Eid erfülle, mögen sich alle Menschen bis in fernste Zeiten so entfalten, wie es ihnen zusteht.

Damit wollen wir diesen Eid besiegeln, ehrenwerter Asklepios, und ihn auf deinen Namen taufen: Er soll dir zu Ehren „Asklepiadenschwur“ heißen.

ASKLEPIOS: Du erteilst mir zu viel der Ehre, liebliche Athene. Ohne dein scharfsinniges Dazutun erlägen meine Gedanken längst dem Zähfluss.

ATHENE: Kröne dich nicht mit Bescheidenheit, die dir nicht zusteht, glücklicher Asklepios. Und nun wollen wir gehen, denn die Dunkelheit bricht herein.

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