Ausbruch aus der Monokultur – Eine grüne Entschulungsgeschichte in drei Akten

frei sich bilden

WORT UND BILD: Olivier Keller, 29. September 2025
BEARBEITET AM 3. Oktober 2025

Monokultur – der jährlich wiederkehrende Reinanbau ein und derselben Nutzpflanze, auf ein und derselben Fläche – ist schädlich; das Bewusstsein hierfür wächst. Trotzdem fristet die natürliche Landwirtschaft nach wie vor ein Schattendasein. Im Vordergrund stehen ökonomische Erwägungen: Produktion, Profit, Kontrolle.

1. Akt: Das sozio-biologische Trauerspiel

Da sitzen sie nun, Stuhl an Stuhl vor ihren Tischen, gepflanzt wie kleine Apfelbäume in Reinkultur und lassen den Produktionsprozess über sich ergehen. Die traditionellen Methoden des Landbaues sind auch im Schulwesen bestens bekannt: düngen, spritzen, stutzen, jäten. Mit leblosen Schulstoffen angereichert und gesellschaftlichen Allerweltspestiziden gespritzt, von querspriessenden, standardabweichenden Gewächsen befreit und nichtkonformen Unkräutern gesäubert, werden die Zöglinge zum Bildungswachstum gezwungen.

Auf dem schulischen Ackerboden – einer anorganischen, möglichst keimfrei gehaltenen Materie ohne Leben und natürliche Nährstoffe – wird ein Produkt gezüchtet, das vor allem auf die Ansprüche der Wirtschaft abgestimmt ist: durch Grösse und Makellosigkeit bestechende Früchte, deren effekthascherisches Äussere nicht über ihr künstlich bis undefinierbares Aroma hinwegtäuschen kann.

Spätestens hier wird der Unterschied zwischen lebendiger Nahrung, zwischen lebendiger Bildung und solcher, die nur stopft, gaumenscheinlich. Alles, was nicht den Qualitätsmerkmalen des Marktes entspricht, alles, was dem planmässigen Wachstum hinderlich sein könnte, wird ausgesondert. Fallobst fällt eine Stufe zurück, bleibt sitzen, wird in den Pressen des psychologischen Schuldienstes gekeltert, ganz nach dem Motto «Flasche zu Flasche, Most zu Most». Unkraut kommt auf den Sonderklassenkompost, wo es entweder vermodert oder vielleicht, wenn es Glück hat, noch einmal Wurzeln schlagen und zu bemerkenswerter Pracht gedeihen kann. Doch Unkraut bleibt Unkraut, auch wenn es Storchenschnabel oder Waldrebe heisst.

2. Akt: Die Natur des Natürlichen

In einem grün eingebundenem Buch mit der Aufschrift «Pathologie der Widernatur. Eine natürliche Heilkunde im Kurzabriss» - jede Ähnlichkeit mit einem Schulbuch ist völlig unbeabsichtigt, denn eigentlich ist es ein Entschulungsbuch – steht geschrieben: Viele Bauern und Lehrer leiden an einer für ihre Zunft typischen Krankheit: dem Schöpfersyndrom. Die Symptome sind von unverkennbarer Natur.

Am Schöpfersyndrom erkrankte Menschen gefallen sich in der Rolle, wachsen zu lassen, sie glauben gar, Wachstum sei die Folge ihres kultivierenden Bemühens, und betrachten sich als unverzichtbar.

Diese weitverbreitete Infektionskrankheit gehört zur Gattung der Märchenviren, wobei es sich bei diesem speziellen Typ nicht um ein harmloses Ammenmärchen, sondern um ein jahrhundertealtes, Kulturgeschichte füllendes Bauernmärchen mit dem Namen «Agriculose fabera» handelt. Das Genie der Natur hat jedoch für dieses besonders antinatürlich wirkende Antigen einen natürlich wohltuenden Antikörper bereitgestellt. Er basiert auf einer Veranlagung, die sowohl in jedem Menschen latent vorhanden, als auch in der ganzen Natur allgegenwärtig ist. Es ist die Kraft, frei von manipulierenden, menschlichen Eingriffen, in Harmonie und Ausgeglichenheit zu leben und zu gedeihen. Alleine der Antikörper «Mahayana», das «Nichts-tun» ist von heilender Wirkung, hat die Macht, das von Menschen Gemachte in die Hand der Natur zurückzulegen.

Genauso, wie in der natürlichen Landwirtschaft Pflanzen aus eigener Kraft wachsen und nicht auf Düngemittel angewiesen sind, gedeihen junge Menschen ohne künstlich vorgesetzte Bildungsmittel.

Dünger, eine wachstumsfördernde Substanz, genannt Anregung, ist zwar nicht vollends nutzlos, aber die Natur liefert ihn in ausreichenden Mengen. Ebenfalls unnötig ist das Pflügen, das Auflockern von schweren, schulischen Ackerthemen. Keine Pflanze der Erde ist so schwach, dass sie nur in gepflügtem Boden keimen würde. Wird der Boden aber einmal gelockert, so muss er regelmässig gelockert werden, sonst verdichtet sich die Erde und das Verständnis für ungelockerte Thematik bleibt im Acker stecken. Besonders infektiös ist der Bauernglaube, ein Obstbaum wachse am kräftigsten und trage am meisten Früchte, wenn er beschnitten werde. Am gesundesten wachsen Bäume zweifellos nach ihren eigenen Gesetzen und Gewohnheiten. Ein zurückgeschnittener Obstbaum muss sein ganzes Leben lang ausgeschnitten werden, da er kaum mehr in der Lage ist, seine Äste im richtigen Abstand voneinander wachsen zu lassen und sich in die richtige Richtung auszudehnen. Einmal entmündigt, treibt er ein eigensinniges Spiel, dem nur noch mit der sanktionierenden und selektionierenden Baumschere beizukommen ist. Die Abwendung von der Schulmedizin ist aus gesundheitlichen Gründen äusserst empfehlenswert, muss aber sehr sanft vollzogen werden. Gerade bei Verkrüppelungen verschiedenster Art zeigt sich, dass auch die natürliche Heilpraktik des «Nichts-tun» viel Geduld und Fingerspitzengefühl erfordert.

3. Akt: Die Begrünung der Bildungswüste

Einst war die Erde von vollkommener Integrität. Doch der Mensch erkrankte am Schöpfersyndrom und Machtbarkeitswahn. Er schuf Apfelbaumplantagen und andere Monokulturen, institutionalisierte das Wachstum und opferte so komplexe und intakte Ökosysteme wie den tropischen Regenwald oder die organische Lernkultur. Das sozio-biologische Trauerspiel nahm seinen unvermeidlichen Lauf und es entstand eine neue Form der Wüste. Einige Menschen aber spürten tief in ihren Herzen die sandige Einöde und begannen sich gegen diese rodende Entwurzelung aufzulehnen. Sie stiessen auf ein heilsames Wundermittel, das «Nichts-tun», genannt «Mahayana», und beschlossen, von nun an die Natur des Natürlichen zu respektieren.

Und alsdann sprossen Oasen aus dem Boden, kleine, unscheinbare Paradiese, in denen für die wüstengewohnten Menschen gar sonderliche Pflanzen wuchsen: zierliche und zarte, unscheinbare und schlichte, buschige und üppige, behaarte und dornige, Früchte tragende und Düfte versprühende Pflanzen, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit in grösstem Selbstverständnis prächtig nebeneinander gediehen – völlig unabhängig davon, ob sie nun Früchte trugen oder ob sie planmässig wuchsen.

Viele Menschen fühlten sich durch diesen unkontrollierten, Leben versprühenden, exotisch anmutenden Wildwuchs bedroht und sahen das totale Chaos voraus. Sie erinnerten sich an die Auswüchse des «Laisser-faire-Virus» und erzählten sich die Geschichte vom einmal zurückgeschnittenen Obstbaum, um den man sich nicht mehr gekümmert habe und der komplett verkrüppelt sei. Es entstand eine rege, öffentliche Diskussion. Einige Mikrobiologen, die Licht ins Dunkel der Viren und Antikörper zu bringen versuchten, wiesen auf den feinen, aber äusserst wichtigen Unterschied zwischen unbeteiligtem «im Stich lassen» und aufmerksamem «Nichts-tun», dem desinteressierten «Sich-Abwenden» und intensiver «Zuwendung ohne zu agieren» hin – ein Unterschied, der leider nur wenigen klar wurde. Doch das lukullische Wachstum erwies sich als dermassen anregend, dass die Oasen sich weiter und weiter ausbreiteten. Zum Erstaunen der zahlreichen Skeptiker blieb das Chaos aus, stattdessen entstand ein Dschungel voller Leben und Vielfalt. Und da die Monokultur gestorben ist, leben die Menschen heute noch.

QUELLEN UND ANMERKUNGEN

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