VOM FREI SICH BILDEN IN DER SCHWEIZ UND DARÜBER HINAUS

2025-09-23T17:31:27+02:00

Der Vater Rudolf Schmidheiny schreibt rückblickend in seinem 2023 publizierten Buch:

«Zum Entsetzen der Lehrerschaft und unseres Bekanntenkreises gingen unsere Kinder ab 1990 zu Hause zur Schule. – Wir hatten für unsere Familie die Schulalternative ‘Bildung zu Hause’ ins Leben gerufen. Nicht, weil wir Eltern so etwas gesucht hätten, sondern weil wir es nicht weiter ertragen konnten und auch nicht tatenlos zusehen wollten, wie unsere eigenen Kinder durch den Schulbetrieb entfremdet, gegen uns aufgewiegelt und dem Elternwillen entzogen wurden. Nein, es waren weder die propagierte Evolutionstheorie noch der unterschwellige Atheismus, nicht die sozialistischen Parolen und auch nicht der Sexualkundeunterricht, es war nicht die Zwangssozialisation durch Herdenführer, es war nicht, weil unsere Kinder zuweilen bedrängt und drangsaliert, dem Gruppendruck ausgesetzt worden waren. Auch die sehr unerfreulichen Auseinandersetzungen innerhalb der Schulbehörde, die zu keinem Ziel führten, waren es nicht, die uns zur Abmeldung von der Volksschule leiteten. Es war die inzwischen gewonnene Überzeugung, dass Kinder den Eltern gehören und nicht dem Staat. Wir sahen es als unsere Pflicht, die Kinder vor ideologischen Übergriffen durch Zwangsbeschulung zu schützen.»2

Heute umfasst der von ihm 1998 gegründete Verein «Bildung zu Hause Schweiz» mehr als tausend Familien, Tendenz steigend. 3

Es schien mir von Anfang an evident, dass die Ausrichtung und das Ansinnen von Rudolf Schmidheiny völlig anderer Natur waren, als das, wofür ich mich so brennend interessierte, obwohl Bezeichnungen wie «Bildung zu Hause» und «Bildung ohne Schule» auf den ersten Blick Analogien suggerieren mögen oder als identisch wahrgenommen werden können. Gerade auch von Behördenseiten und in gesetzlichen Regelwerken werden sie in den gleichen Topf geworfen; eine sprachliche Ausdifferenzierung, geschweige denn ein differenziertes Bewusstsein für die feinen, aber wesentlichen Unterschiede sind schlicht inexistent. Es ist die Rede von häuslichem Unterricht, Privat- oder Heimunterricht. 4

Wenn ich den «unbeschulten Menschen» ins Zentrum rücke, so meine ich das wortwörtlich. Es war nicht die Überzeugung, dass Söhne und Töchter genau so gut, wenn nicht besser, zuhause unterrichtet und beschult werden könnten, die mich faszinierte und in mir das heilige Feuer des forschenden Geistes weckte, sondern die intuitive Vorahnung, dass der Mensch und das, was er als sein Leben erfahren darf, an sich von so genialer Beschaffenheit ist, dass es keiner pädagogischen Zuwendung bedarf, damit er ein gelingendes Leben führen kann.

Von Anfang an war ich von der Vorstellung fasziniert, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, sich aus eigenem Antrieb die Welt anzueignen und dabei zu einer kompetenten Persönlichkeit heranwächst, ja eigentlich zeitlebens schon kompetent ist, vorausgesetzt er wird in seiner Kompetenz auch gesehen und bestärkt, er kann in einer wohlwollenden, unterstützenden Atmosphäre sich entfalten und gedeihen.

Während meiner Kindheit spürte ich in mir diese unbändige Energie, wenn ich meinen eigenen Interessen folgen konnte, diese Spielfreude, die mich auf meinen Entdeckungsreisen antrieb, mein innerer Drang, das Leben zu erfahren und zu erkennen. Es war mir selbstverständlich, dass ich, womit ich mich auch immer beschäftigte, mir Wissen und Können aneignen konnte, um meinen Wissensdurst zu stillen und meine Projekte und Träume zu realisieren, ohne dass ich dafür zur Schule gehen musste.

Erfüllt von dieser Energie fuhr ich 1991 nach Paris, wo ich meine Studien auf weitere 6 Familien, allesamt in Frankreich lebend, ausweitete. Dabei hatte ich kein Interesse daran zu erforschen, wie Eltern ihre Kinder zu Hause unterrichten; vielmehr war es mein Ansinnen, für mich und andere sichtbar und nachvollziehbar zu machen, wie Menschen aus eigenem Antrieb in die Welt hineinwachsen, selbstbestimmt und frei sich bildend. So konzentrierte ich mich auf die Lebens- und Erfahrungsprozesse von acht Familien, die es als Selbstverständlichkeit betrachteten, ihren Nachwuchs auf ihrer Lebensreise als vollgültige Wesen respektvoll zu unterstützen und zu begleiten. 1999 erschien mein Buch «Denn mein Leben ist Lernen. Wie Kinder aus eigenem Antrieb die Welt erforschen»5, das ich im Jahre 2023 neu mit dem Untertitel «Wie Menschen frei sich bilden»6 auflegte.

Seit Beginn meiner Forschungstätigkeit sind 35 Jahre vergangen. Welches Bild zeigt sich heute in der Schweiz?

Gemäss einer Umfrage der «Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren» aus dem Schuljahr 2022/23 werden aktuell in der Schweiz rund 4136 Kinder und Jugendliche zu Hause unterrichtet.7 Diese Zahl hat sich innerhalb der letzten vier Jahre verdoppelt. Knapp 80 % davon leben in vier (von 26) Kantonen: nämlich in Bern, Waadt, Zürich und Aargau. Dabei hat sich der Zuwachs alleine im Kanton Bern in den letzten 10 Jahren von 196 (im Jahre 12/13) auf 1263 (22/23) mehr als versechsfacht.

Diagramm Homeschooling Schweiz EDK 22-23

Im Kanton Tessin, Uri und Zug wird «Homeschooling» nicht bewilligt. Auch der Kanton Basel-Stadt gehört zu den Kantonen mit absoluter Restriktion; er bewilligte lediglich ein Gesuch auf Homeschooling unter Angabe starker körperlicher Einschränkungen8.
2019 ist eine Mutter aus dem Kanton Basel-Stadt bis vor das Bundesgericht gezogen, die erklärte, dass das lokale Bildungssystem nicht gut genug sei für ihr hochbegabtes Kind. Das Bundesgericht entschied, dass es in der Schweiz keinen verfassungsmässigen Anspruch auf Heimunterricht gebe.9
Im Kanton St. Gallen, der bislang eine Nulltoleranz geltend machte, in dem er die Sozialisation der Kinder und Jugendlichen monierte, gelang es letztes Jahr einem engagierten Elternverein aufgrund ihrer Beschwerde mit verwaltungsgerichtlichem Beschluss das ausserschulische Lernen in kleinen Lerngruppen durchzusetzen.10

Es ist für mich schwierig abzuschätzen, wie hoch die Zahl der jungen Menschen ist, die in der Schweiz «frei sich bilden». Aber es gibt sie. Weit häufiger jedoch sind jene Familien, in denen häuslicher Unterricht praktiziert wird.

Voraussetzung ist zudem in den meisten Kantonen ein Lehrdiplom; wenn Eltern darüber nicht selbst verfügen, sind sie aufgefordert, sich in ihrer Bildungsverantwortung von einer Person mit entsprechender Zertifizierung vertreten und begleiten zu lassen.

Grundsätzlich gilt es zu konstatieren, dass das Feld, das unter dem Begriff «Homeschooling» subsumiert wird, sehr bunt ist und viele Schattierungen aufweist.

Im Kanton Schaffhausen – einer der wenigen Kantone, in denen es möglich war, Heimunterricht ohne pädagogische Zertifizierung zu praktizieren – kam es im Jahre 2023 zu einer Revision des Schulgesetzes. Die Vorlage kam vor das Stimmvolk, das entschied, dass neuerdings ein Lehrdiplom als Massgabe für den häuslichen Unterricht vorzuweisen ist.11

Es ist zu beobachten, dass sich von Seiten der Behörden eine allgemeine Tendenz zu einer zunehmenden «Pädagogisierung» und auch zunehmend mehr Restriktion abzeichnet. Das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) titelte beispielsweise im Jahre 2022 in seiner Berichtserstattung: «Zuviel Homeschooling: Kanton Bern zieht Schraube an»12 und thematisierte die von Bildungspolitikern und -forschern geäusserten «Sorgen um Bildungsqualität».

Auflagen werden dahingehend verschärft, dass von Eltern vermehrt Unterrichtsplanungen und Lernberichte eingefordert werden. Es ist eine Tendenz, die nicht nur in der Schweiz zu beobachten ist, sondern auch in den Nachbarländern Österreich oder Frankreich, wo bis zu den jeweiligen Änderungen der Gesetzeslage über Jahrzehnte ein deutlich liberaleres Klima herrschte. Einblicke in die Praxis in anderen Ländern, Erfahrungsberichte und geschichtliche Hintergründe gewährt die höchst spannende Jubiläumsausgabe Heft 100 von «die freilerner».13

Während die Familie aus der Schweiz – wohnhaft im Kanton Bern – anfangs der 90er-Jahre von Behördenseite mit Wohlwollen und offenkundigem Interesse begleitet wurde, macht heute das staatlich subventionierte Radio öffentlich Stimmung: «Schul- und Unterrichtsforscherin Tina Hascher von der Universität Bern wundert sich, dass der Kanton beim Homeschooling nicht längst die Schrauben angezogen hat: ‘Der Kanton Bern macht das, was er darf und auch muss. Nämlich die Qualität zu sichern.’ Die Instrumente dafür stünden schon längst bereit. Für die Bildungsforscherin ist klar: Wenn Eltern die Bildungsqualität im Heimunterricht nicht sicherstellen können, dann müssen ihre Kinder wieder zurück in die Schule.»14

SRF berichtet kämpferisch, die Schrauben würden auch bei den pädagogisch ausgebildeten Personen angezogen, die die Eltern beim Homeschooling bereits heute anleiteten. Diese müssten neu zwingend mit dem Lehrplan 21 vertraut sein und zitiert den Amtsvorsteher Erwin Sommer: «Das Ziel ist, dass die Kinder jederzeit wieder in die Volksschule integriert werden können».15

Es gibt auch positive Berichterstattung. Im Jahre 2023 brachte SRF eine Reportage, in der sie Stefan Schönberger, Dozent an der Pädagogischen Hochschule FHNW, folgendermassen zitiert: «Es gibt Hinweise darauf, dass Homeschool-Kinder gut auf die Erwachsenenwelt vorbereitet sind.»16

Die Mehrzahl der Familien, deren Anliegen es ist, ihre Töchter und Söhne zu unterstützen und zu begleiten in ihrem Naturrecht, frei sich zu bilden, suchen meist den Dialog in der Ansprache zu den Behörden. Dies kann, je nach eigener Konstitution und jener des Menschen, der seine Rolle als «Inspektor» wahrnimmt, zum konstruktiven Zwiegespräch oder zum Eiertanz werden.

Auch wenn das Gros der Inspektoren als wohlwollend und konstruktiv rezipiert wird, variieren auch hier Erfahrung und Wahrnehmung.

Es sind unterschiedlichste Faktoren, die dieses Setting von staatlicher Kontrolle, bestimmen. Ich erinnere mich an den Besuch des Inspektors: mein frei sich bildender Sohn wäre in der Welt der Schule damals in der dritten Klasse gewesen. Der Inspektor zeigte sich beeindruckt von der Aufrichtigkeit und Hingabe, mit der mein Sohn seine «Prüfungsaufgabe» anging. Es war ein sympathisches, doch leicht schulmeisterliches Szenario. Der Inspektor verstrickte meinen Sohn in ein anregendes Gespräch, in dem er von seinen Freunden, seinen Vorlieben und all dem, was ihn sonst noch bewegt, erzählte. Dann legte er ihm einen ausgedruckten Text vor, der seinem Jahrgangsniveau entsprach, zum Thema Fasnacht – zu gut Deutsch Karneval –, das gerade im Äther lag. Ich hatte meinen Sohn nicht eine einzige Sekunde seines Lebens im Lesenlernen unterrichtet; er las zwar nicht besonders schnell, aber er verstand das, was er las und hatte Freude daran, was in einem engagierten Dialog mit dem Inspektor zum Ausdruck kam.

Je nach Veranlagung und Persönlichkeit des «Probanden» hätte dieses Szenario auch in einen Seiltanz oder sogar in ein Seilziehen münden können; mit Remo Largo gesprochen, der in Longitudinalstudien17 äusserst fundiert aufzeichnete und auswertete, wie heterogen Entwicklungsprozesse verlaufen, sind Menschen keine Einheitswesen, die sich im Gleichschritt in ihren Anlagen entfalten.

Nicht jeder junge Mensch liest zwingend im Alter von 9 Jahren, wenn er nicht einer systematischen Beschulung unterzogen wird, was selbst dann nicht gegeben ist, wenn er die öffentliche Schule besuchte.

Der Druck, der daraus erwachsen kann, reicht von subtil bis massiv und wirkt durch meist alljährlich wiederkehrende Kontrollbesuche permanent. Manche Eltern, und auch diejenigen Wesen, die es zu begutachten gilt, können durchaus sich in belastenden Situationen wiederfinden, die sich verschärfen können. Manche fügen sich dem Diktat, dass Kinder in Jahrgangsstufen einzuteilen seien und staatlich definierte Kompetenzen auszubilden hätten. Andere kapitulieren, suchen sich Alternativschulen oder bilden Lerngruppen mit Pädagogen. Offener Widerstand gibt es kaum. Die Schweizer Mentalität ist sehr auf Kompromiss und Konsens getrimmt

Anders Ruedi Schmidheiny; er vertritt  – mit derselben kämpferischen Energie wie der Amtsvorsteher und die Bildungsforscherin – die auf den ersten Blick naheliegende These: «Kinder gehören den Eltern, nicht dem Staat»; was er im gleichnamigen Buch auf über 400 Seiten zu untermauern versucht.

Kann dies eine vernünftige Lösung sein?

Ein Gerangel darum, wem die Vorherrschaft um das Wesen gebührt, das völlig infantilisiert in unserer Gesellschaft «Kind» genannt wird?

Nein, es darf nicht um einen Machtkampf gehen in der Frage darum, wem die Entscheidungshoheit über anderes Leben obliegt. Auch junge Menschen gehören sich selbst.

Konkreter noch wurde Olaf Scholz, der 2002 das Ziel seiner Politik, die „Lufthoheit über den Kinderbetten“ zu erlangen, deutlich formuliert hat.

Im übrigen jener Olaf Scholz, der heute Bundeskanzler ist!!!

Wenn wir nördlich über den Tellerrand der Schweizer Grenze schauen, wo es klimatisch deutlich rauer ist, bemerken wir – wohl aus der Not gedrungen – auch deutlich mehr Willen zur Konfrontation. In einer kürzlich von mir herausgegebenen Dokumentation mit dem Titel «Thüringen: Vorreiterland der Bildungsfreiheit?» wird nicht nur deutlich, wie durch Bürger angestossene politische Prozesse (beispielsweise die von der Rechtsanwältin Dr. Katja Senkel an den Thüringischen Landtag gerichtete Petition, die immerhin bei mehr als 4200 Menschen Unterstützung fand!) in den Mühlen parlamentarischer Strukturen nonchalant zerrieben werden, sondern auch, dass Gesicht-Zeigen und eine klare ethische Haltung von Erfolg gekrönt sein können. Wenn junge Menschen, begleitet von ihren Eltern, auf ihre Menschenrechte pochen, selbst – oder gerade – in einem Land mit restriktiver Bildungsbürokratie, doch mit freiheitlich demokratischer Grundordnung, dann kann die Judikative gar nicht anders, als das Wesen in seiner Subjekthaftigkeit zu bestätigen, was mit mittlerweile zahlreichen Gerichtsbeschlüssen in dieser Schrift dokumentiert ist.18

Franziska Klinkigt, systemische Psychologin und Menschenrechtsaktivistin in Deutschland, bringt es auf den Punkt, in dem sie schreibt: «Selbst wenn im Kampf zwischen ‘Vater Staat’ und ‘Mutter Familie’ nicht über die jeweiligen Philosophien, Methoden und Gründe diskutiert wird, so geht es dabei doch letztendlich um die Frage, wer von beiden es besser macht mit dem ‘Zögling’ – und im besten Falle nur darum, wie sie gemeinsam am erfolgreichsten auf ihre Erziehungs- und Bildungsobjekt einwirken können … Das Recht des jungen Menschen, also der Person gilt es zu schützen, nicht das Recht derer, die über sie bestimmen wollen!»19 Sie stellt die alles entscheidende Frage: «Ist es nicht ein gewaltiger Unterschied, ob Eltern auf ihrem eigenen Recht als Eltern pochen oder ob sie sich für den Schutz der Grundrechte ihrer Töchter und Söhne einsetzen?» 20

Wir täten gut daran, in unseren Bestrebungen, gute Bedingungen für die heranwachsenden Generationen zu gestalten, den Blick auf den neuralgischen Punkt zu werfen. Nämlich darauf, dass Menschen keine Objekte sind, sondern Subjekte.

Die Haltung, nicht zu tun, sondern zu sein, scheint so nicht in diese Welt zu passen. Das, was es wirklich braucht auf dieser Welt ist so trivial, dass wir nicht einmal daran zu denken wagen; lieber bewegen wir uns in geistigen und gesellschaftlichen Systemen, in denen wir uns gegenseitig in unserer Defizienz bestärken. Das, wovon ich spreche, ist die Essenz, sich gegenseitig zu würdigen, die nicht nur in Bezug auf Bildung, sondern in jedem Bereich unseres Lebens der Geltung bedarf, sei es die Gesundheit21 oder das Dilemma der Armut22.

Es wird höchste Zeit, uns daran zu erinnern, dass das Leben weit mehr ist, als sich Technokraten, Politiker oder Pädagogen vorstellen können; erinnern wir uns an die weisen Worte von Khalil Gibran:

«Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Es sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, doch nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, doch nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Hause von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.»23

VOM FREI SICH BILDEN IN DER SCHWEIZ UND DARÜBER HINAUS2025-09-23T17:31:27+02:00

DER KÖNIGSWEG ZUR HEILUNG

2025-09-25T01:20:37+02:00

Die gute Nachricht ist: Da, wo der Leidensdruck wächst, wächst auch der Wille zum Wandel. Spielte nicht ein verhängnisvoller Teufelskreis von Normopathie 1 und transgenerationaler Übertragung bestehender Traumata 2 mit – Phänomene eines kollektiven Unbewusstseins –, wir würden wohl in einer gesunden Welt leben. Weshalb ich das «Frei-sich- Bilden» als Königsweg bezeichne und warum sich dieser als Katalysator des Heilwerdens erweist, werde ich im Folgenden darlegen.

In der Tat kenne ich ein erhebliches Spektrum des aufgezählten Krankheitskanons durch eigene Erfahrung oder durch Beziehung zu Familienangehörigen.
Geboren 1971, wuchs ich in einer Zeit des prosperierenden Aufbruchs im Kielwasser der 68er-Bewegung auf. Meine Eltern waren liebend, jung und engagiert, meine Kindheit geprägt von einem breiten Feld an Möglichkeiten und verantwortungsvoller Mitarbeit im elterlichen Gastronomiebetrieb.

Ich trage viele goldene Momente in meiner Erinnerung; es bleiben mir aber auch viele Eindrücke, in denen sich mir die Welt der Erwachsenen voller Widersprüche und Ungereimtheiten komplett unverständlich zeigte und mich eingehend beschäftigte, ja zutiefst traurig stimmte: Ich fühlte mich wie der kleine Prinz auf einem fremden Planeten, der sich über die großen Leute wunderte. Schon früh begann mich die Frage umzutreiben: Was ist gesund und was ist pathologisch in dieser großen Welt und in meinem eigenen Leben, in dessen Verlauf ich mit unterschiedlichsten Krankheitsphänomenen konfrontiert wurde? Als Säugling wäre ich beinahe am Kindstod gestorben; meine ganze Kindheit über litt ich immer wieder an starken Ohren- und Halsschmerzen; meine Mandeln und mein Blinddarm entzündeten sich und wurden entfernt. Später, in meiner Adoleszenz, reagierte ich mit Angststörungen. Ganz zu schweigen von einer gewissen Melancholie, die mich, wie mir scheint, von meiner Kindheit bis weit ins Erwachsenenalter begleitete. Gegen Ende meiner Zwanzigerjahre wurde ich konfrontiert mit Herzrhythmusstörungen, Burnout-Symptomen, wiederkehrenden Depressionen, psychotischen und manischen Zuständen; ich bekam schließlich einen ganzen Katalog an psychiatrischen Diagnosen verpasst – von ADHS über Bipolarität bis zu Asperger.

Ja, es gab sie, die markanten Schicksalsschläge, wie den Unfalltod meines jüngeren Bruders oder einen Hausbrand, bei dem ich völlig entwurzelt wurde und fast mein ganzes Hab und Gut verlor. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle schicksalhafte Ereignisse und Einflüsse meines Lebens zu beschreiben, die in ihrer Ursächlichkeit dazu beitrugen, dass ich verschiedenste Symptome entwickelte. Manches vermochte ich erst im fortgeschrittenen Alter in seiner ganzen Tragweite zu erfassen wie beispielsweise die Auswirkungen einer posttraumatischen Belastungsstörung meiner Mutter, die sich im Alter von knapp 12 Monaten schwerste Verbrennungen zuzog und daran beinahe gestorben wäre. Das Feld ist breit und reicht über Missbrauchserfahrungen unterschiedlichster Art bis zu Verstrickungen, die an Episoden aus der griechischen Mythologie erinnern.

Auf der Suche nach Linderung und Erkenntnis war ich zeit meines Lebens daran interessiert, Zusammenhänge und Ursachen zu erforschen. Ich wollte verstehen, den Dingen auf den Grund gehen.

Gegen eine Behandlung mit Medikamenten wehrte ich mich dezidiert und kategorisch – bereits in meiner Kindheit. Der Erzählung meiner Mutter gemäß war es unmöglich, mir als Säugling ein Zäpfchen zu verabreichen, weil ich es gleich wieder ausschied. Jedes Mal, wenn es mir gelang, etwas aufzudecken oder zu erhellen, fühlte ich, wie ich meinem Ursprung näherkam, auch wenn diese Momente immer wieder sehr schmerzhaft waren und ich sogar phasenweise psychotisch wurde.

Bis zu einem bestimmten Punkt war es mir möglich, mein Leben gelingend zu gestalten und Träume zu realisieren, wie beispielsweise ein Musikerleben mit berauschenden Konzerttourneen oder die Veröffentlichung meines Buches «Denn mein Leben ist Lernen» im Jahre 1999.

Im Zuge meiner Beschäftigung mit dem «unbeschulten Menschen» tauchte ich ein in ein Meer tiefgründiger Impulse für einen umfassenderen Blick auf das, was Gesundheit und Lebendigkeit bedeutet.

Es war mir stets bewusst, dass ich mich auf einer Selbstheilungsreise befand, dass ich dadurch ungeahnte und tiefe Einblicke in die menschliche Seele und unsere Körperlichkeit gewinnen durfte. Und dies ist wohl der alles entscheidende Punkt: Ich habe diese Phasen und Zustände nicht als Anlass genommen, mich damit zu identifizieren. Oder mit anderen Worten: Es war mir stets klar, ich war nicht die Diagnose.

Es geht nicht darum, damit zu kokettieren oder mich etwa beispielhaft dafür zu rühmen, dass es mir trotz aller Wehen gelungen ist, mehr und mehr heil zu werden. Schon gar nicht geht es darum, mich als jemanden darzustellen, der vom Leben besonders gebeutelt wurde. Wie eingangs erwähnt, und darin liegt die Tragik, gehöre ich nicht etwa zu einer Minderheit von Menschen, die solche Krankheitschroniken schreiben. Die meisten von uns, wenn nicht alle, sind oder werden aufgerufen, sich im Verlaufe ihres Lebens mit Heilungsprozessen zu beschäftigen, wie auch immer diese geartet sind.

Es geht mir darum, durch mein Sein, mein «So sein wie ich bin», Impulse zu setzen und eine Lanze zu brechen für das Menschliche, das Gesunde, das Erhellende, denn wie Krishnamurti sagte: «Es ist kein Anzeichen von seelischer Gesundheit sich an eine zutiefst gestörte Gesellschaft anpassen zu können.» Wir brauchen uns nicht dafür zu schämen, dass wir krank werden. Es ist ein Zeichen von Gesundheit, ein Streben nach Heilwerden.

Heilwerden bedeutet Versöhnung und Entspannung, aber auch das Zulassen von Verletzlichkeit, denn ohne Verletzlichkeit gibt es keine Lebendigkeit.
Gesundheit oder Krankheit, aus welcher Warte wir auch schauen, ist kein Zustand, sondern ein Prozess, bei dem es darum geht, stets ins Gleichgewicht zu streben.

Heil zu werden bedeutet aber auch, sich seiner Vergänglichkeit und gleichzeitig seiner Unendlichkeit bewusst zu werden. Es ist das Erkennen, dass ich, jeder Einzelne, wir alle so wichtig wie ein Körnchen Sternenstaub sind, nicht mehr und nicht weniger.

Unsere Welt aber ist von Maßlosigkeit, Konkurrenzkampf und Gier durchdrungen. Ihre Heilsversprechen sind in unsägliche Narrative gekleidet, zum Beispiel das Narrativ des «Homo oeconomicus», das uns zu einer rücksichtslosen Ausbeutung jeglicher Ressourcen geführt hat, oder das Narrativ des «Homo educandus», das längst nicht nur junge Menschen zu Unmündigen degradiert. Die Kombination von beiden ergibt einen toxischen Nährboden für krankhafte Machtexzesse in Politik und Wirtschaft, Religion und Kultur.

Und diese scheinen omnipräsent; wir sind geradezu umgarnt von Strukturen, die vordergründig normal scheinen, bei genauerer Betrachtung aber von Gewalt durchdrungen sind – strukturelle Gewalt 3, so weit das Auge reicht.

Wir denken vielleicht, Pathologisches entstehe vornehmlich durch extreme Stressbelastungen wie brachiale Gewalt, Missbrauch und andere Grenzerfahrungen. Doch es fängt damit an, dass die Haltung, andere als Objekte zu behandeln, in die Norm geschrieben ist, sie ist Teil unserer systemischen Struktur geworden. Sie ist systemimmanent.

Sie zeigt sich in einer kollektiven Erfahrung von Zwang zum Funktionieren, von Sinnlosigkeit, von Ohnmacht, vom Gefühl, ausgeliefert zu sein, und hierbei lediglich Bedingungen und Erwartungen erfüllen, sich ständig bewähren zu müssen.

In deren Folge ergeben sich psychische Zustände wie das Gefühl, nicht gesehen zu werden; das Gefühl, getrennt und ausgegrenzt zu sein; das Gefühl, nicht zu genügen, etwas zu verlieren oder entbehren zu müssen; die Angst vor Bedrohung, vor den Konsequenzen eines allfälligen Widerstandes, Rückzug, Einsamkeit, Resignation …
Dies sind Verarbeitungsstrategien vulnerabler, sensitiver Seelen; noch weit häufiger sind Strategien wie die Zähne zusammenbeißen, hart und ignorant werden.
Über allem steht der Versuch, sich taub zu machen.

Die ganz große Gesundheitskrise besteht darin, dass viele zivilisierte Menschen den Zugang zu ihren tieferen Gefühlsschichten und genuinen Gedankenwelten aufgegeben haben und sich stattdessen von Indoktriniertem leiten lassen.

Arno Gruen spricht vom «Wahnsinn der Normalität»4, Erich Fromm von der «Pathologie der Normalität»5.
Als Pionier widmete sich Fromm systematisch den Grundzügen einer normopathischen Gesellschaft. In einem Interview aus dem Jahre 1977 äußerte er sich wie folgt:

«Die Normalsten sind die Kränksten, und die Kranken sind die Gesündesten. Das klingt geistreich oder vielleicht zugespitzt, aber es ist mir ganz ernst damit, es ist nicht eine witzige Formel. Der Mensch, der krank ist, der zeigt, dass bei ihm gewisse menschliche Dinge noch nicht so unterdrückt sind, dass sie in Konflikt kommen mit den Mustern der Kultur und dass sie durch diese Friktion Symptome erzeugen. Das Symptom ist ja wie der Schmerz nur ein Zeichen, dass irgendetwas nicht stimmt. Glücklich, der ein Symptom hat.»6

Es klingt vielleicht vermessen, aber er bringt damit zum Ausdruck, was ich in meiner Kindheit intuitiv wahrgenommen hatte, eine Wahrnehmung, die mir letztlich die Möglichkeit eröffnete, bei mir zu bleiben. Des Weiteren führt Fromm aus:

«Sehr viele Menschen, das heißt die Normalen, die sind so angepasst, die haben so alles, was ihr Eigen ist, verlassen, die sind so entfremdet, so Instrument, so roboterhaft geworden, dass sie schon gar keinen Konflikt mehr empfinden; das heißt: ihr wirkliches Gefühl, ihre Liebe, ihr Hass, das ist schon so verdrängt oder sogar so verkümmert, dass sie das Bild einer chronischen, leichten Schizophrenie bilden.»

Einiges spricht dafür, dass auch rein physische Krankheit sich letztlich auf Psychisches zurückführen lässt. Egal, ob psychisch, psychosomatisch oder «nur» somatisch – wo Krankheit chronisch wird, verlässt das Kranke das Gesunde. Da wird Krankheit zum ernst zu nehmenden Widersacher des Lebendigen.

Die meisten unter uns tragen Verwundungen in sich. Sie gehören zum Leben. Es sind beileibe nicht nur Schicksalsschläge verursacht durch Naturgewalten oder den Tod eines geliebten Menschen, sondern auch die Verletzungen von Übergriffigkeit und Demütigung, Kränkung und Herabwürdigung – und man könnte meinen, in dieser Welt seien sie normal und gehörten zum Leben wie die Luft zum Atmen.

Das Vermächtnis einer schwarzen Pädagogik, wie sie uns Katharina Rutschky 7
vor Augen führte, tragen viele von uns noch immer in ihren Adern. Im Alter von neun Monaten wurde ich von meinem Vater – selbst ein «Opfer» seiner Erziehung – während der Nacht in eine dunkle Kammer gesperrt, wo ich mir die Kehle aus dem Hals geschrien habe, bis ich schließlich verstummte. Wenn ich ungehorsam war, züchtigte er mich; auch dann und wann mal mit dem Teppichklopfer. Ich habe ihm längst vergeben und mich versöhnen dürfen. Wirkliches Heilwerden wäre sonst gar nicht möglich geworden. Meine Erfahrung, selbst Vater zu werden und mit eigenen Sinnen wahrzunehmen, wie subtil diese Mechanismen wirken, wenn unbewusste Prägungen und psychische Elterneinflüsse in der Identifikation als Vater sich Gehör verschaffen wollen, war äußerst befreiend.

Alice Miller arbeitete diesen psychodynamischen Sachverhalt meisterhaft in Werken wie «Am Anfang war Erziehung» oder «Das Drama des begabten Kindes» heraus. Dass sie selbst als Mutter in Bezug auf ihren eigenen Sohn Martin8
durch ihre eigenen Erkenntnisse nicht davor gefeit war, sich in ihren ungelösten Anteilen mit ihrem Sohn zu verstricken, zeigt, wie hartnäckig solche Wirkkräfte sich erhalten wollen.

Vater zu werden mit allen Schattierungen war für mich eine der stärksten Heilerfahrungen.

Meinen Sohn kompromisslos als Subjekt zu betrachten, ihn nicht zu «behandeln», was er mir, wenn ich mich in alten Verstrickungen verirrte, jedes Mal mit einer erstaunlichen Klarheit zu verstehen gab, wurde mir zum permanenten Spiegelbild meiner eigenen Lebendigkeit. Das Leben, als frei sich bildender Mensch, als der ich mich verstehe und in dessen Geiste ich meinem Sohn begegne, wirkte und wirkt wie ein Katalysator auf meine Heilwerdungsprozesse und die meiner Angehörigen.

In einem Raum, in dem wir uns als Subjekte begegnen, entsteht Frieden und Kohärenz in und um uns. Es ist der Raum, in dem Heilungsprozesse begünstigt werden.

Hans-Joachim Maaz9, der weithin bekannte deutsche Psychiater und Psychoanalytiker, hat sich auf die Folgen der Frühstörungen spezialisiert und nennt folgende acht Erfahrungen, die unabdingbar sind für eine gesunde Entfaltung, welche uns befähigt, wahres Glück zu empfinden:

  • Ich bin berechtigt.
  • Ich kann frei bleiben.
  • Ich bin geliebt.
  • Ich kann autonom handeln.
  • Ich kann expandieren, also meine Hemmungen überwinden.
  • Ich kann etwas Eigenes schaffen.
  • Ich erlebe mich von anderen unterstützt.
  • Ich kann meine Begrenzungen akzeptieren.

Doch unsere Systeme sind nach wie vor durchtränkt von Machenschaften, die aufgrund eigener seelischer Verwundungen als normal eingeschätzt werden. Trotz aufkeimender Wokeness werden dadurch – und ich erachte dies als äußerst bedenklich und problematisch – normopathische Tendenzen nicht etwa durchbrochen, sondern von einer subtilen Mischung aus scheinheiliger Moral und sequenzierter Toleranz sogar befeuert. Der spaltende Gutmensch erliegt dadurch der unheimlichen Illusion einer durch schablonenhafte Rechthaberei geschönten heilen Welt. Maaz schreibt: «Die gespaltene Welt ist das Schlachtfeld des falschen Selbst.» 10

Solange wir uns unserer Verletzungen bewusst werden und die Möglichkeit haben, diese mit uns zugewandten Menschen anzuschauen, haben wir gute Aussichten, einen konstruktiven Weg zu finden, damit umzugehen. Wir können lernen, unseren energetischen Fluss kontinuierlich zu reinigen und in der Balance zu bleiben.

Bedeutend anspruchsvoller ist es, sich mit transgenerationalen Traumata, aber auch mit frühkindlichen Ereignissen auseinanderzusetzen! Sie liegen in uns verborgen, und wir tragen sie als integralen Bestandteil unserer Persönlichkeit mit uns herum. Wir wissen nicht darum, haben allenthalben Vorahnungen. Wir merken, dass gewisse Bereiche oder gewisse Schlüsselreize, Trigger, in unserem Leben belastet sind. Es fühlt sich tatsächlich wie ein unsichtbares Gewicht an; etwas, das lähmt. Widerstände und Energielosigkeit, irrationale Reaktionen wie eruptive Wutausbrüche oder aus dem Nichts kommende Lähmung oder Blockade. Die Symptome sind vielfältig und keineswegs nur laut und auffällig.

Heil zu werden bedeutet, dass wir versuchen, den Ausdruck und die Zeichen unseres Unbewussten zu verstehen, es wagen, uns den Klängen und Farben tieferer Sphären zu öffnen, selbst wenn es schmerzhaft sein sollte und wir uns unseren Wunden stellen. Dafür müssen wir wahrhaftig werden.

Seelischer Schmerz manifestiert sich stets auch körperlich. Gerade in der Verbindung mit dem Körper, unserem Leib, gelingt es uns, wesentliche Muster im Seelischen zu erkennen und Heilungsprozesse zu erwirken. Mit bildgebenden Verfahren konnte in neurobiologischen Versuchen gezeigt werden, dass seelischer und körperlicher Schmerz in denselben Regionen unseres Gehirns verarbeitet werden und sogar mit denselben Schmerzmedikamenten gelindert werden können. So verwundert es auch nicht, wenn betäubende Substanzen und Handlungen Hochkonjunktur haben. Auch den Mechanismen von Sucht haben wir uns zu stellen, wenn wir «ganz» werden wollen. Dabei sollten wir uns deutlich vor Augen führen, dass Gewalt, auch wenn diese kurzfristig erfolgreich scheinen mag, nicht zu wirklicher Gesundheit führen wird.

Das Heil liegt nicht in zivilisatorischen Systemen, die von einem Bewusstsein besserwisserischer und bevormundender Kontrollfantasien und überheblichem Machbarkeitswahn durchdrungen sind. Gesundheit kann im Grunde genommen genauso wenig verordnet werden wie Bildung. Wird sie verordnet, so verkommt sie zur Farce, zur Doktrin, schlimmer noch: zum krank machenden Fremdkörper. Dass Staatlichkeit – weit häufiger als gemeinhin gedacht – selbst vor extremen Eingriffen wie Zwangseinweisung oder körperliche Fixierung nicht zurückschreckt und damit in ihrer Fürsorge Menschen aktiv traumatisiert – was ich am eigenen Leibe erfuhr –, ist ein unmissverständliches Zeichen für eine normopathische Gesellschaft. Wir bewegen uns zurzeit mit schnellen Schritten auf eine totalitäre Gesundheitsdiktatur zu, in der uns bis in unsere intimsten Bereiche vorgeschrieben wird, wie wir uns zu verhalten haben. Bis in unseren Mikrokosmos hinein sollen wir uns staatlicher und mittlerweile auch schon überstaatlicher Kontrolle ausliefern.

Dabei sehnen wir uns nach Sicherheit und Geborgenheit und geben uns der Illusion einer Versicherung durch andere hin. Dies mag auf einer materiellen Ebene funktionieren, auf einer geistigen Ebene bedeutet dies, sich im Fundament seiner Essenz zu schwächen, wenn nicht sogar aufzugeben. Wir machen uns dadurch selbst zum Objekt, wir geben die Verantwortung ab, wir verlassen unseren Ursprung.

Das englische Wort «security» – Sicherheit –, abgeleitet aus dem lateinischen «securare», was so viel bedeutet wie «sich selbst heilen», weist aber einen gänzlich anderen Weg, den Weg in mein inneres Heiligtum, mein Königreich. Mein Körper ist der Tempel meines Geistes. Wir alle besitzen mit Beginn unserer Existenz die Fähigkeit, in unseren Körper hineinzuhorchen und uns mit dem Geistigen zu verbinden. Diese Kompetenz entspringt unserer Urnatur. Es ist genau diese Kompetenz, die sich frei sich bildende Menschen im besten Fall erhalten oder aber wieder erschaffen.

Der frei sich bildende Mensch ist der sich selbst heilende, der sich selbst heiligsprechende Mensch – ohne Attitüde von Überheblichkeit oder Ego-Befriedigung, sondern in einer Haltung von Demut für eine allumfassendere Lebenswirklichkeit und im Bewusstsein, dass jedes Wesen von Geburt an über Freiheit und Selbstbestimmtheit verfügt.

Wer den Weg eines frei sich bildenden Menschen einschlägt, entscheidet sich für eine äußerst radikale Verantwortungsübernahme in seinem Leben, die unweigerlich sämtliche Lebensbereiche tangieren wird; es ist ein umfassendes Ja dazu, aus der Opferrolle auszusteigen.

Heil zu werden bedeutet auch, sich zu befähigen, Nein zu sagen – radikal und kompromisslos –, sich abgrenzen zu können und dürfen, sich seiner eigenen Rhythmen bewusst zu werden.
Es bedeutet, sich vollumfänglich ernst zu nehmen.

Wir können das Leben als Reise betrachten, auf der wir uns dem Heldenhaften und Grenzwertigen stellen, um uns dem Heilsamen zuzuwenden, wollen wir nicht dem Siechtum erliegen. Wir alle sind verwundbar, gleichzeitig aber auch mit wundersamen Selbstheilungskräften und einer erstaunlichen Fähigkeit zur Resilienz ausgestattet. Sein eigenes Glück, sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen erfordert von uns, unsere Komfortzone zu verlassen und unsere eigene Trägheit zu überwinden. Das Geschenk, das sich daraus ergibt, ist ein Gefühl von Wachstum und Lebendigkeit. Jedes Hindernis, das uns unser Leben offenbart und das wir meistern, wird uns in unserer Selbstwirksamkeit bestärken. Dabei handelt es sich weniger um das Einlösen eines schnellen Heilversprechens als um ein zyklisches Auflösen von Beschwerlichem und Erstarrtem, um mehr und mehr in eine Leichtigkeit des Seins zu finden.

Dabei kommen wir in die Erfahrung des NUN, die Gegenwart der Präsenz. Sowohl im Englischen als auch im Französischen steht dasselbe Wort – «PRESENT» – für das Geschenk und das Gegenwärtige. In diesem Bewusstseinsstrom können wir loslassen, unsere Gedanken, unsere Sorgen, unsere Wunden.

Der goldene Schlüssel, ja unsere Achillessehne, sind unsere Söhne und Töchter. Wenn wir aufhören, sie als Objekte zu behandeln, und das Tor zu einer tiefen und respektvollen Beziehung öffnen – verbunden und doch klar abgetrennt –, wird Versöhnung und Heilung auf allen Ebenen geschehen. Denn: Was diese Welt dringendst braucht, sind Menschen, die sich mit sich und dem Kosmos versöhnt und verbunden fühlen. Menschen, die so in sich ruhen, dass sie es vermögen, Teufelskreise in Engelskreise zu verwandeln. Indem wir in unserem eigenen Königreich erstarken, können wir in die Liebe zu uns selbst und zu allem, was uns umgibt, finden. Es ist unsere Urpotenz, die erstrahlt, unser Pleroma, das – wieder – zu leuchten beginnt.

DER KÖNIGSWEG ZUR HEILUNG2025-09-25T01:20:37+02:00
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