Ich möchte einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben meiner jüngeren Tochter erzählen. Ich habe mir vorab selbstverständlich ihre Zustimmung eingeholt, und sie hat diesen Text lektoriert.
Vorab kurz zum Kontext: Meine 15-jährige Tochter besucht seit einigen Jahren keine Schule mehr. Stattdessen macht sie von ihrem Menschenrecht auf Bildung Gebrauch und bildet sich selbstbestimmt, außerhalb von Schulen.
Und sie liest!
Social Media
Digitale Geräte nehmen im Leben meiner Tochter eine große Rolle ein. Über verschiedene Kanäle ist sie mit Menschen in Berührung gekommen, die Social-Media-Inhalte (neudeutsch content) zu Büchern erstellen: sie besprechen einzelne Bücher, geben Leseempfehlungen oder diskutieren, wie sie ihre eigene Bibliothek sortieren. Die Inhalte sind über Kanäle und Plattformen wild verteilt: ich habe meine Tochter sowohl längere Youtube-Videos als auch kürzere Instagram-Clips schauen sehen.
Über diese Wege ist sie auf das Netzwerk goodreads.com gestoßen. Hier tummeln sich Lesebegeisterte: sie posten Einschätzungen von Büchern, erstellen Listen von bereits gelesenen Büchern oder noch zu lesenden Büchern, teilen auf Wunsch diese Listen mit der Öffentlichkeit, oder kommen direkt miteinander ins Gespräch, von Mensch zu Mensch, über Bücher.
Meine Tochter hat sich hier registriert und führt dort ein Lesetagebuch.
Äußere und innere Stimuli, und ihre Balance
Wie es heute so bei den sozialen Medien üblich ist, arbeitet auch goodreads.com mit – nennen wir es mal – Anregungen: Anregungen zum Lesen, und natürlich Anregungen zur Interaktion auf ihrer Plattform. Wie in unseren Kulturkreisen mittlerweile üblich geschieht das auch über „Belohnungssysteme“, und hier wird es spannend. Wie geht meine Tochter mit äußeren Anregungen, äußerer Erwartungen und äußerem „Druck“ bezüglich ihrer Leseleidenschaft um?
Goodreads.com lädt sie etwa dazu ein, gewisse Herausforderungen (neudeutsch challenge) anzunehmen. Zwei dieser Challenges möchte ich vorstellen:
- Die Jahreslese-Challenge: Anfang des Jahres kann man sich entscheiden, an dieser Aktion teilzunehmen. Dazu wählt man dann selbst aus, wie viele Bücher man sich im gegebenen Kalenderjahr vornimmt zu lesen. Anschließend führt man darüber Buch (kleiner Wortwitz): man gibt an, welches Buch man liest, markiert es als „in Bearbeitung“, bevor man es als „gelesen“ abhaken kann. Die Bücher auf seiner persönlichen Leseliste kann man frei wählen. Schafft man die Challenge, bekommt man ein Abzeichen freigeschaltet, eine Art digitaler Orden.
- Die Sommerlese-Challenge: Zu Beginn des Sommers gibt goodreads.com eine Liste von Büchern heraus, und Teilnehmer der Challenge sollen dann eine gewisse Anzahl von Büchern daraus lesen. Ich vermute, dass soll die Interaktionen zwischen den Nutzern auf die Bücher auf der Liste fokussieren. Selbstverständlich winkt auch hier wieder ein Abzeichen (Zertifikat!).
Meine Tochter hat sich auf die erste Challenge eingelassen und sich vorgenommen, 2025 20 Bücher zu lesen. Trotz der Aussicht auf eine zweite Belohnung hat sie sich entspannt gegen die Sommerlese-Challenge entschieden. Nach ihren eigenen Worten haben ihr die Bücher auf der Liste nicht zugesagt. Ich vermute außerdem, dass sie die zweite Challenge unbewusst auch als Bevormundung wahrgenommen hat, denn bei beiden Challenges geht es darum, Bücher zu lesen. Ohne Reue hat sie also auf eine weitere „Belohnung“ verzichtet!
Lesen unter vermeintlich äußerer Anregung
Seit Januar 2025 ist also klar, dass meine Tochter 20 Bücher in einem Jahr lesen „muss“. Jetzt kommt der nächste spannende Aspekt: wie erfüllt sie diese – selbstgewählte, und dennoch externalisierte – Anforderung?
Zunächst ein Ausschnitt aus ihrer bisherigen Leseliste von 2025:
- Franz Kafkas „Der Prozess“ und „Die Verwandlung“,
- Tolkiens „The Hobbit“ und Band 1 der „Herr der Ringe“-Trilogie,
- Shakespeares „Macbeth“,
- Dostojewskis „Schuld und Sühne“ (nachdem sie letztes Jahr bereits „Weiße Nächte“ von ihm gelesen hatte),
- Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“ (nachdem sie den Filmklassiker geschaut hatte),
- Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“,
- Jane Austens „Stolz und Vorurteil“,
- George Orwells „Farm der Tiere“,
- F. Scott Fitzgeralds „The Great Gatsby“,
- das japanische Manga „Alice in Borderland“ (nachdem wir die zugehörige Serie geschaut hatten),
um nur einige zu nennen. Sie hat aktuell laut ihrem goodreads-Konto 16 Bücher in diesem Jahr gelesen (Stand August), einige davon im englischsprachigen Original. Was soll ich sagen, sie hadert mit dieser Statistik!
Das allererste Buch aus der 2025er Leseliste zählt in ihren Augen nicht wirklich, weil sie es bereits im November 2024 zu lesen begonnen hatte; einige andere Bücher sind ihrer Meinung nach zu kurz, um als „ganzes Buch“ zu zählen, etwa Shakespeares „Macbeth“ oder Charlotte Perkins Gilmans „The Yellow Wallpaper“. Sie fühlt sich also etwas überschätzt!
Niemand sagt ihr, welche Bücher sie lesen soll, in welcher Reihenfolge, bis zu welcher Frist, niemand fragt sie anschließend ab (um herauszufinden, ob sie es wirklich gelesen hat oder nur eine KI-generierte Zusammenfassung wiedergeben kann), niemand beurteilt oder bewertet irgendeinen Aspekt ihrer Lesetätigkeit, niemand gibt ihr Hausaufgaben, die sie dann mit minimalem Aufwand – womöglich unter Nutzung “unerlaubter” Hilfsmittel – versucht zu erledigen. Sie schreibt keine Aufsätze zu den Büchern.
Stattdessen redet sie darüber, gern und viel, inspiriert und inspirierend. Allein ihren Erwägungen zuzuhören, was und in welcher Reihenfolge sie als nächstes lesen möchte, warum oder warum noch nicht, ist ein Genuss. Wird sie aufhören zu lesen, wenn sie die „äußere“ Anforderung geschafft hat aber noch Zeit übrig bleibt weitere Bücher zu lesen? Ich wette dagegen, alles was ich habe!
Und so offenbart sich die Schönheit, die Kraft und die Magie des frei sich Bildens: es ergibt einfach keinen Sinn für meine Tochter, die Leseaufgabe so schnell und so leicht wie möglich zu erledigen oder gar erledigen zu lassen (Stichwort: Abkürzungen oder „Hilfsmitteln“), nur um sich ihrer zu entledigen oder irgendwen zufriedenzustellen. Sie scheut keinen Aufwand, und was ihre „Leseleistung“ anbelangt, ist sie am Ende noch ihre strengste – zugegeben, weil einzige – Kritikerin.
Die theoretische Verfügbarkeit von Hilfsmitteln wie großen Sprachmodellen (LLMs wie ChatGPT und dergleichen) lässt sie völlig kalt. Sie nutzt sie wohl, aber nicht im Zusammenhang mit ihrer Leseleidenschaft. Einerseits quantifiziert sie ihre Leseleistung und führt eine Statistik, andererseits wendet sie keinerlei ökonomische Maßstäbe oder Methoden wie Effizienz, Aufwandsminimierung, „Schummeln“ etc. darauf an. Sie jongliert souverän innere und äußere Impulse, im Einklang mit ihren Interessen und ihrer Leidenschaft.
Motivationswissenschaftliche Interpretation
Landläufig wird gerne intrinsische von extrinsischer Motivation unterschieden, mit dem Hinweis, dass intrinsische Motivation sehr viel nachhaltiger sei als extrinsische. Diese Unterscheidung ist obsolet und wurde bereits vor Jahrzehnten durch ein genaueres Modell ersetzt: die Selbstbestimmungstheorie, abgekürzt SDT für die englische Originalbezeichnung Self-Determination Theory.
Demnach ist die Unterscheidung nicht nach intrinsisch und extrinsisch, sondern nach autonomer Motivation und kontrollierter Motivation. Obendrein sollte man keine Zweiteilung annehmen, sondern in einer ganzen Bandbreite, in einem Spektrum denken. An einem Ende dieses Spektrum steht übrigens die Amotivation, das Fehlen jeglicher Handlungsabsicht/Motivation.
Autonome Motivation ist ein psychologisches Konzept, das sich auf den selbst generierten Antrieb und die Bereitschaft einer Person bezieht, Aktivitäten auszuüben oder Ziele zu verfolgen, die mit ihren persönlichen Werten, Interessen und Bedürfnissen übereinstimmen. (übersetzt von https://www.abmotivation.com/what-is-autonomous-motivation/)
Ich (als psychologischer Laie) würde die Lese-Challenge meiner Tochter sehr wohl als äußere, also extrinsische Umstände betrachten. Man könnte also sagen, die Motivation meiner Tochter ist zumindest teilweise extrinsisch, und somit “schlechte Motivation”: sie hat ein Zertifikat, eine Belohnung in Aussicht und, auch wenn die Anzahl der zu lesenden Bücher ursprünglich selbstgewählt war, sie steht nun fest. Die Leseleistung meiner Tochter wird aktuell von goodreads.com protokolliert und sie wird an dem dort stehen Ziel gemessen.
Das sagt aber wenig aus, denn letztlich stehen diese äußeren Umstände immer noch mit den „persönlichen Werten, Interessen und Bedürfnissen“ meiner Tochter in vollem Einklang. Was hier zum Ausdruck kommt, ist pure autonome Motivation, mit vielen intrinsischen und einigen extrinsischen Komponenten.
Autonome Motivation führt, nach den Untersuchungen aus der SDT, zu commitment, zu Deutsch also etwa Engagement, Einsatz, Hingabe, aber auch einer inneren, freiwilligen Verpflichtung, einem Pflichtgefühl, das zu einer aus sich erwachsenden Disziplin führt. Sich Aktivitäten mit autonomer Motivation zu widmen zieht nachhaltige Leistungsbereitschaft, gepaart mit Wohlbefinden nach sich. Was will man eigentlich mehr?
Der Kontrast
Ich möchte meine obigen Beschreibungen zu einem LinkedIn-Post des Autors, Bloggers und (ehemaligen!) Lehrers Bob Blume in Kontrast setzen. Dessen Beitrag liest sich wie folgt:
Einwurf: Warum sollte ich mich als junger Mensch anstrengen, mir etwas anzueignen, wenn es eine Maschine auch in ein paar Sekunden für mich erledigen kann? Die Antwort auf diese Frage ist zentral. So zentral, dass wir sie bald nicht mehr ignorieren können (auch wenn das momentan noch viele versuchen). Aber sie ist auch fundamental. Ein Nebensatz reicht nicht mehr. Wir, die Lehrenden, müssen sie auch für uns beantworten können. Und das auch in einer merkwürdigen Bewusstheit der Geschichtlichkeit unserer eigenen Lernbiographie. Wir können die Frage also nicht aus der Perspektive unserer eigenen Sturm-und-Drang-Zeit beantworten, in der die Antwort viel einfacher war. Eine Antwort, die wir konserviert haben und so tun, als wäre sie noch gültig. Nein, wir müssen die Frage beantworten in dem vollen Bewusstsein der Andersartigkeit unserer Sozialisation. Wie wir sie beantworten, wird sich zeigen. Aber wir müssen. [...]
Hier spricht Blume aus, was ich als Conditio carceris (in Anlehnung an die Conditio humana), als „Bedingungen des Kerkers“ bezeichnen möchte. Was er sagt ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert und könnte die typische Perspektive von Lehrern auf (junge) Menschen in (ihrer) Gefangenschaft meiner Meinung nach nicht besser auf den Punkt bringen.
Mir fallen zwei Dinge besonders auf:
- Die Verengung auf typische „akademische Anstrengungen“, die „eine Maschine auch in ein paar Sekunden für mich erledigen kann“, ganz so, als ob junge Menschen heutzutage nicht mehr z.B. in Fitnessstudios oder auf den Reiterhof, in Tanzstudios oder in den Schwimmverein gehen würden, wo auch in hundert Jahren kein Platz für ChatGPT & Co. sein wird.
- Die unterstellte, grundsätzliche Sinnlosigkeit aus Sicht der jungen Menschen „sich etwas anzueignen“. Ich kann absolut nachvollziehen, wenn bei sehr vielen Lehrkräften genau dieser Eindruck entstehen muss, beobachten sie doch Menschen, die jahrelang raumgreifend fremd- und zwangsbeschäftigt werden, worum sie nie gebeten und wofür sie nie Zustimmung erteilt haben. Diese Tätigkeiten können, wie Lehrkräfte nunmehr leidvoll zur Kenntnis nehmen müssen, weit überwiegend von Algorithmen erledigt werden. Wer noch einen Schritt weiter denkt, kommt nicht umhin zu erkennen, dass die nunmehr eklatant offenbare Sinnlosigkeit längst vor den Algorithmen bestand: es sind und waren ja die gleichen Tätigkeiten! Ich kann das Schaudern und die Panik sehr gut nachvollziehen.
Die Wahrheit ist aber, dass außerhalb des Kerkers das Leben und die Entfaltung blühen. Die Frage ist nur, wie viel Raum ihnen bleibt. Wie das Beispiel meiner Tochter zeigen mag, bräuchten selbst Fans der „Leistungsgesellschaft“ und der „akademischen Tiefe“ sich keinerlei Sorgen machen.


