{"id":29507,"date":"2026-02-18T16:57:06","date_gmt":"2026-02-18T14:57:06","guid":{"rendered":"https:\/\/progenia.ch\/artikel\/familie-stern\/"},"modified":"2026-03-07T10:58:53","modified_gmt":"2026-03-07T08:58:53","slug":"familie-stern","status":"publish","type":"artikel","link":"https:\/\/progenia.ch\/en\/artikel\/familie-stern\/","title":{"rendered":"Familie Stern"},"content":{"rendered":"<h2>DIES IST EIN AUSSCHNITT AUS meinem BUCH:<br \/>\nDENN MEIN LEBEN IST LERNEN<\/h2>\n<p>Arno Stern stammt aus einer deutschen Familie. Sein Vater, zum Dekorateur ausgebildet, er\u00f6ffnete nach dem ersten Weltkrieg eine Fabrik, in der Kn\u00f6pfe und K\u00e4mme aus Elfenbein hergestellt wurden. Doch die Wirtschaftskrise erzwang schlie\u00dflich die Einstellung der Produktion.<\/p>\n<p>Drei Jahre lang besuchte Arno die Volksschule in Kassel. Als Hitler im Januar 1933 die Macht ergriff, emigrierten seine Eltern aus ideologischen und religi\u00f6sen Gru\u0308nden mit ihm ins Elsa\u00df. Nach einj\u00e4hrigem Aufenthalt zogen sie nach Montb\u00e9liard, wo Arno weitere drei Jahre in die Schule ging. 1938 verbrachte er ein Jahr in einer Pariser Privatschule. Doch der Ausbruch des Krieges veranla\u00dfte die Schlie\u00dfung der Schule, und Arno kehrte zu seinen Eltern nach Montb\u00e9liard zuru\u0308ck, wo er mit seinem Vater zusammen als Fensterputzer arbeitete. Schlie\u00dflich meldete sich sein Vater freiwillig zum Hilfsdienst bei der franz\u00f6sischen Armee. Arno und seine Mutter blieben alleine zuru\u0308ck. Durch den Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich veranla\u00dft, liessen sie erneut alles liegen und flu\u0308chteten nach Su\u0308dfrankreich in die damalige \u00abfreie Zone\u00bb. Auf Umwegen fand der Vater zu ihnen zuru\u0308ck. Doch nun war die Familie auch in der \u00abfreien Zone\u00bb nicht mehr geschu\u0308tzt, und so fu\u0308hrte sie ihre Flucht in die Schweiz, wo man die Familienmitglieder trennte und in verschiedene Flu\u0308chtlingslager internierte. (1)<\/p>\n<blockquote><p>Arno: \u00abIn diesen Lagern begegnete ich einer Reihe interessanter Menschen. Ich freundete mich mit Musikern, Schauspielern und einem Dichter an. Durch den Kontakt mit diesen Leuten erlangte ich Zugang zur klassischen Musik und Literatur, womit ich mich leidenschaftlich zu besch\u00e4ftigen begann. Glu\u0308cklicherweise ist mir ein Studium erspart geblieben. Auf die gleiche Art und Weise, wie meine Kinder heute lernen, durfte ich damals die Musik und Literatur entdecken.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>1945 endete der Krieg, Arnos Eltern kehrten nach Montb\u00e9liard zuru\u0308ck. Sie er\u00f6ffneten ein Unternehmen zur Herstellung von Schulterpolstern. Arno, ein junger Mann von 21 Jahren, lie\u00df sich in Paris nieder, wo er sp\u00e4ter die franz\u00f6sische Staatsangeh\u00f6rigkeit erlangte. Arno: \u00abMan vermittelte mir eine Arbeit in einem Kinderheim fu\u0308r Kriegswaisen. T\u00e4glich betreute ich die Kinder einige Stunden lang; ich stellte ihnen Pinsel und Farbe zur Verfu\u0308gung. Hier liegt der Ursprung meiner heutigen T\u00e4tigkeit. Um m\u00f6glichst vielen Kindern das Malen anbieten zu k\u00f6nnen, war ich bestrebt, den Raum optimal einzurichten. So entstand der <em>\u00abCloslieu\u00bb<\/em> (Malort). Von Anfang an lie\u00df ich die Kinder arbeiten, ohne sie mit Belehrungen zu bel\u00e4stigen. Mit der Zeit entdeckte ich bei den Malenden immer wiederkehrende \u00c4u\u00dferungen \u2013 die Formulation (2). \u00bb<\/p>\n<p>Arno Stern widmete sein ganzes weiteres Leben dem Studium der Formulation. Im Rahmen seiner Forschungsarbeit bereiste er verschiedene, von der Zivilisation noch unberu\u0308hrte Gegenden, um die dort lebenden Menschen malen zu lassen.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abMenschen, die mir in anderen Bereichen nahestehen, k\u00f6nnen mir nicht folgen, wenn ich sage: Kinderkunst gibt es nicht! [&#8230;] Ihre Auffassung fu\u0308hrte zum Zeichenunterricht , der jahrzehntelang den Schu\u0308lern die Zeichenlust verdarb. Und als ihn als Erneurung die Kunsterziehung abl\u00f6ste, wurde die kostbare Ausdrucksf\u00e4higkeit des Kindes endgu\u0308ltig vernichtet. Es ist eine bittere Tatsache, und ich wei\u00df, da\u00df das, was ich den Menschen im Malort anbiete, zur Rettung wertvoller, bedrohter Werte beitr\u00e4gt. Es ist genauso dringend, diese \u00c4u\u00dferungsf\u00e4higkeit im Menschen zu retten wie die Eisb\u00e4ren, die Bienen, und die V\u00f6gel in unserer Umwelt.\u00bb<br \/>\nARNO STERN (6)<\/p><\/blockquote>\n<p>Unterdessen heiratete Arno Claire, die er w\u00e4hrend seiner Internierungszeit kennengelernt hatte. Sie bekamen einen Sohn, dem sie den Namen Bertrand gaben. Bertrand wurde genauso wie jedes andere Kind beschult. (3) Arno stellte die Schule noch nicht so radikal in Frage wie sp\u00e4ter. Arno: \u00abJe mehr ich von der Formulation erforschte, desto deutlicher erschien mir, da\u00df jede Belehrung diese natu\u0308rliche \u00c4u\u00dferung einschr\u00e4nkt. Durch die Kenntnis der Formulation l\u00e4\u00dft sich ganz deutlich ermessen, wie sehr die Pers\u00f6nlichkeit durch die Schule beeintr\u00e4chtigt wird.\u00bb Zu Bertrands Schulzeiten stellte der Zeichenunterricht allerdings noch keine wirkliche Gefahr fu\u0308r die Formulation dar.<\/p>\n<p>Viele Bekannte verstanden Arnos Besch\u00e4ftigung nicht und rieten ihm, in das Gesch\u00e4ft seiner Eltern einzusteigen. Doch Arno hatte andere Interessen. Arno: \u00abMeine Eltern zeigten Verst\u00e4ndnis fu\u0308r meine unkonventionelle T\u00e4tigkeit und sch\u00e4tzten sie auch. Mit ihrer finanziellen Unterstu\u0308tzung er\u00f6ffnete ich nach der Schlie\u00dfung des Kinderheimes die <em>Acad\u00e9mie du Jeudi<\/em>.\u00bb Neben zahlreichen Ver\u00f6ffentlichungen u\u0308ber seine Arbeit publizierte er eine ganze Reihe Bu\u0308cher u\u0308ber seine Erkenntnisse. Nach wie vor weist er durch Vortr\u00e4ge und Seminare auf die Ausdruckssemiologie (4) hin und fu\u0308hrt Interessierte in die Praxis des Dienens im Malort ein.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abIch begegnete als unbelasteter Zeuge dem von mir erm\u00f6glichten Geschehen, den \u00c4u\u00dferungen vieler Menschen, nicht ahnend, dass ich die Bedingungen fu\u0308r etwas Unerprobtes geschaffen hatte. Ich begegnete der eingangs schon erw\u00e4hnten Formulation.Bis dahin war mir eine allgemeine Zustimmung zuteilgeworden. Das wurde nun anders. W\u00e4hrend die charmante Kinderkunst allgemein Beifall geno\u00df, irritierte die Formulation; denn ihre Erkennntnis stellt vieles infrage.\u00bb<br \/>\nARNO STERN (7)<\/p><\/blockquote>\n<p>Nach der Trennung von seiner Frau heiratete Arno Mich\u00e8le Arella. Ihre Vorfahren v\u00e4terlicherseits, italienischer Herkunft, lie\u00dfen sich in Algerien nieder. Die Vorfahren mu\u0308tterlicherseits hatten sich ebenfalls in Algerien niedergelassen, urspru\u0308nglich stammten sie aber aus dem Burgund. Mich\u00e8les Geburtshaus steht in Guelma, einer typisch nordafrikanischen Provinzstadt. Mich\u00e8le begann mit 17 Jahren in Paris an der Sorbonne, an der <em>Facult\u00e9 des Lettres<\/em>, Geschichte zu studieren. Nach dem Abschlu\u00df ihres Studiums unterrichtete sie zwei Jahre lang an einem algerischen <em>coll\u00e8ge<\/em>.<\/p>\n<blockquote><p>Mich\u00e8le: \u00abDie Arellas waren eine angesehene Familie, die gro\u00dfen Wert auf die bu\u0308rgerlichen Berufe ihrer Angeh\u00f6rigen legte. Viele meiner Onkel und Tanten waren im Schulwesen t\u00e4tig.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>Nach der erlangten Unabh\u00e4ngigkeit Algeriens von der Kolonialmacht Frankreichs verlie\u00df der gr\u00f6\u00dfte Teil der in Algerien lebenden Franzosen das Land fluchtartig, unter ihnen auch Familie Arella. Mich\u00e8le: \u00abUnser ganzes Verm\u00f6gen blieb in Algerien zuru\u0308ck. Meine Eltern liessen sich in Su\u0308dfrankreich nieder, und ich suchte mir eine Arbeit in Paris. Das Unterrichten bereitete mir keine Freude mehr. Trotzdem verspu\u0308rte ich Gefallen an der Arbeit mit Kindern, und so nahm ich 1962 eine Stelle als Kinderg\u00e4rtnerin an.\u00bb<\/p>\n<p>Mich\u00e8le besa\u00df weder eine p\u00e4dagogische Ausbildung fu\u0308r diese Stufe, noch sonstige Erfahrungen mit kleinen Kindern, und versuchte sich am Lehrplan zu orientieren. Mich\u00e8le: \u00abDie Aufgabe des Kindergartens (5) besteht einerseits in der Einfu\u0308hrung der Kinder ins Gemeinschaftsleben und andererseits in der Vorbereitung auf die folgende Schulzeit. Um dieses Ziel zu erreichen, war es u\u0308blich, sogenannte \u00abLebensthemen\u00bb zu behandeln. So bestimmten dann Inhalte wie Karneval, Schnee oder Laubb\u00e4ume eine Zeitlang das Leben im Kindergarten. Das Zeichnen, Basteln und Spielen drehte sich um eine vorgegebene Thematik und setzte Arbeitsauftr\u00e4ge voraus. Schon bald merkte ich, da\u00df dies weder fu\u0308r mich noch fu\u0308r die Kinder befriedigend war. Ich wurde auf die ersten Bu\u0308cher von Arno Stern aufmerksam, die damals in den franz\u00f6sischen Kinderg\u00e4rten sehr verbreitet waren, und mit dem Gedanken konfrontiert, da\u00df alles, was Kinder machen, vollgu\u0308ltig ist und nicht verbessert werden mu\u00df. Dieser Gedanke u\u0308berzeugte mich und deckte sich mit meinen eigenen Erfahrungen. Ich merkte, da\u00df man Kindern keine Arbeitsauftr\u00e4ge erteilen mu\u00df, damit sich diese aktiv bet\u00e4tigen, und da\u00df die Beziehung zu Kindern stimmig ist, wenn man sie als vollwertige Pers\u00f6nlichkeiten wahrnimmt.\u00bb<\/p>\n<p>Bekannte wiesen Mich\u00e8le auf die <em>Acad\u00e9mie du Jeudi<\/em> hin. Mich\u00e8le: \u00abAls ich ins Atelier eintrat und dem Geschehen folgte, \u00f6ffnete sich mir eine neue Welt. Diese Begegnung hat mein Leben grundlegend ver\u00e4ndert.\u00bb Mich\u00e8le schlug nun andere Wege ein. Sie h\u00f6rte auf, Themen zu bearbeiten oder Kinder auf etwas vorbereiten zu wollen, und lie\u00df das allt\u00e4gliche Leben in ihren Kindergarten einziehen. Thema war das, was die einzelnen Kinder gerade besch\u00e4ftigte. Nach der Geburt ihres Sohnes Andr\u00e9 wurde ihr angeboten, ihre Arbeit halbtags fortzusetzen. Obwohl Mich\u00e8le ihre Arbeit liebte, war es ihr wichtiger, sich Andr\u00e9 zuzuwenden.<\/p>\n<p>Das Leben der Familie ist stark gepr\u00e4gt von Arnos Arbeit. Viele Menschen kommen Woche um Woche zum Malen in den <em>Closlieu<\/em>. Arno unternimmt h\u00e4ufig Vortrags- und Seminarreisen, zuweilen in Begleitung seiner Familie.<\/p>\n<p>Fu\u0308r Mich\u00e8le und Arno war es von Anfang an klar, da\u00df ihre Kinder nicht in die Schule gehen wu\u0308rden. Arno: \u00abEs schien uns selbstverst\u00e4ndlich, unsere Kinder nicht in die Schule zu schicken. Fu\u0308r uns gab es keine Alternative. Es war uns ein Anliegen, da\u00df unsere Kinder nicht in ihrer Pers\u00f6nlichkeit eingeschr\u00e4nkt wu\u0308rden. Auch wollten wir ihre Entwicklung in allen Details miterleben.\u00bb<\/p>\n<blockquote><p>Mich\u00e8le: \u00abJahr fu\u0308r Jahr sah ich, wie die Pers\u00f6nlichkeit der Kinder sich entwickelte, und auf meine Arbeit im Kindergarten zu verzichten war ein\u00a0 schmerzhafter Entschlu\u00df. Trotzdem z\u00f6gerte ich keinen Moment, weil es mir selbstverst\u00e4ndlich erschien, mich meinem eigenen Kind zu widmen.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"author":69,"featured_media":29508,"parent":0,"menu_order":0,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[2480],"tags":[],"class_list":["post-29507","artikel","type-artikel","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-familienbilder-geschichte-gestalt-lebensrahmen"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/progenia.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/artikel\/29507","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/progenia.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/artikel"}],"about":[{"href":"https:\/\/progenia.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/artikel"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/progenia.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/69"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/progenia.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/artikel\/29507\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30175,"href":"https:\/\/progenia.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/artikel\/29507\/revisions\/30175"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/progenia.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/29508"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/progenia.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29507"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/progenia.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29507"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/progenia.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29507"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}